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| 13:02 Uhr

Berlin
Erneuter Angriff auf Sanitäter sorgt für Empörung

Zwei Rettungssanitäter sind während eines Einsatzes in Berlin von einem Mann attackiert worden.
Zwei Rettungssanitäter sind während eines Einsatzes in Berlin von einem Mann attackiert worden. FOTO: NIKOLAS HOFFMANN / Fotolia
Berlin. Ein Mann bewirft zwei Sanitäter im Einsatz mit Böllern, spuckt einem ins Gesicht und versucht auf ein Gerät zu urinieren. Gewerkschaftsvertreter und Politiker sind fassungslos.

Der neuerliche Angriff auf Rettungskräfte in Berlin hat bei Politikern und Berufsverbänden für Empörung gesorgt. Gewerkschafter fordern besseren Schutz für die Einsatzkräfte, Politiker verlangen neu geschaffene Gesetze und das darin vorgesehene Strafmaß auszuschöpfen.

In der Nacht auf Samstag waren in Berlin-Kreuzberg erneut zwei Sanitäter während eines Rettungseinsatzes angegriffen worden. Als die 28 und 29 Jahre alten Sanitäter einen Patienten in der Waldemarstraße behandeln wollten, soll sie ein 37-Jähriger zunächst beleidigt haben. Als die Sanitäter das ignorierten, soll der Mann sie mit Böllern beworfen haben, die direkt neben ihnen explodierten.

Außerdem soll der 37-Jährige versucht haben auf einen Defibrillator zu urinieren. Davon konnten ihn die Sanitäter gerade noch abhalten, sie fixierten den betrunkenen Mann und übergaben ihn der Polizei, die sie inzwischen gerufen hatten. Der Verdächtige bestritt die Vorwürfe.

Bei einer anschließenden Wohnungsdurchsuchung fand die Polizei Drogen und illegale Böller und ermittelt jetzt wegen Körperverletzung, Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion und Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz. Weitere Angaben zu möglichen Vorstrafen oder Motiven des Verdächtigen wollte die Polizei am Sonntag nicht machen.

Der Patient, den die Sanitäter versorgten, konnte mit geringer Verspätung behandelt werden und war „zum Glück wohlauf“, wie die Feuerwehr twitterte. Die Sanitäter setzten ihren Dienst trotz leichter Verletzungen fort.

Innensenator Andreas Geisel (SPD) nannte den erneuten Angriff auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur am Samstag „unfassbar“. „Einsatzkräfte taugen nicht zum Feindbild. Sie helfen und beschützen uns“, teilte Geisel mit. Die Bürger forderte der Senator auf, diese Form der Gewalt konsequent zu ächten und zu verurteilen. Die Justiz müsse nun das Strafmaß der im vergangenen Jahr verschärften Gesetze zum Angriff auf Polizisten und Feuerwehrleute ausschöpfen.

Die Bundesregierung hatte 2017 unter anderem den neuen Straftatbestand des „Tätlichen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte“ (§114 StGB) geschaffen. Er ermöglicht eine Haftstrafe zwischen drei Monaten und fünf Jahren für Angriffe auf Einsatzkräfte.

Die Deutsche Feuerwehr-Gewerkschaft (DFeuG) verurteilte den erneuten Angriff ebenfalls. Die Attacken auf die Rettungskräfte seien völlig unnachvollziehbar, sagte der Sprecher der DFeuG Berlin-Brandenburg, Micha Quäker, der Deutschen Presse-Agentur. Die Angriffe hätten in den vergangenen Jahren spürbar zugenommen. „Unsere Kräfte müssen geschützt werden“, forderte Quäker.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP), in der auch Rettungskräfte organisiert sind, sprach angesichts der neuesten Attacke von einem „unfassbaren Zustand“. Die Angreifer begingen eine Straftat, „die sich nicht nur auf das Leben des Angegriffenen auswirkt, sondern auch spürbare Auswirkungen für andere hat“, teilte der Sprecher der GdP-Berlin, Benjamin Jendro, mit.

Die Debatte um Gewalt gegen Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr war an Silvester wieder aufgekommen. Helfer der Berliner Feuerwehr waren am Neujahrsmorgen mit Schusswaffen bedroht worden. Die Rettungswagen-Besatzung alarmierte die Polizei, die zwei scharfe Schusswaffen sicherstellte. Ein anderer Helfer bekam einen Faustschlag ins Gesicht.

Insgesamt sprach die Feuerwehr am Neujahrsmorgen von acht Angriffen auf Helfer und 57 Angriffe auf Einsatzfahrzeuge mit erheblichen Sachschäden. Ein quantitativer Anstieg der Angriffe lässt sich statistisch derzeit jedoch nicht nachweisen. Viele Betroffene berichten allerdings auch nicht von einem Anstieg der Fälle, sondern von einer neuen Qualität der Gewalt.

So etwa der Brandleiter der Berliner Feuerwehr, Wilfried Gräfling. Die Übergriffe an Silvester zeigten „eine Aggressivität, die wir in den letzten Jahren noch nicht erlebt haben“, hatte Gräfling die Angriffe zum Jahreswechsel kommentiert.

„Ich zweifle am Verstand derer, die mit Böllern und Raketen auf Menschen schießen“, kommentierte der Berliner Polizeipräsident Klaus Kandt über den Twitter-Account der Polizei. „Weder Feiern noch Alkohol entschuldigt das. Es ist unfassbar, dass Helfer derartig angegriffen werden.“

Auch Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery meldete sich am Wochenende zu Wort. „Die Politik muss dringend einen Kulturwandel befördern, damit man wieder begreift, dass diese Menschen Retter und Helfer sind“, sagte der Chef der Bundesärztekammer der „Rheinischen Post“. Sanitäter und Notärzte würden angegriffen, weil man sie für Repräsentanten der Staatsmacht halte.

(dpa/fh)