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| 19:31 Uhr

Berlin
Wagenknecht und Joop als Rebellen

  „Mode trifft Politik“ hieß es am Montagabend im Kino Babylon, als Sahra Wagenknecht und Wolfgang Joop sich zu einer Gesprächsrunde trafen.
„Mode trifft Politik“ hieß es am Montagabend im Kino Babylon, als Sahra Wagenknecht und Wolfgang Joop sich zu einer Gesprächsrunde trafen. FOTO: dpa / Christoph Soeder
Berlin. Die Linke und der Modedesigner entdecken Gemeinsamkeiten. Beide wählen sogar dieselbe Partei. Von André Bochow

„Ich bin so dankbar“, sagt die ältere Dame, die schon seit 17 Uhr am Berliner Kino Babylon war, obwohl die Veranstaltung erst zwei Stunden später beginnen sollte. Nun ist sie völlig erschöpft, aber glücklich. „Ein junger Mann hat mich mit rein genommen“, erzählt die Frau. Manche schaffen es nicht an diesem sehr warmen Sommerabend in das mäßig belüftete Kino. Es ist rappelvoll. Manche sitzen auf den Gängen, als mit halbstündiger Verspätung Sahra Wagenknecht und Wolfgang Joop endlich auf der Bühne sitzen und von der Publizistin Luc Jochimsen befragt werden. 500 Menschen hören, man kann es nicht anders sagen, hingerissen zu.

„Ich dachte immer, einmal am Tag steht sie an der Ballettstange“, hat der Modemacher Joop bei ihrer ersten Begegnung gesagt. Das war bei einer Fernsehsendung. Das Publikum lacht, als Jochimsen davon berichtet. Die Politikerin und der Mode-Star mögen sich seitdem und finden die Idee gut, immer mal wieder öffentlich miteinander zu plaudern. Worüber? Eher nicht so viel über Mode. Auch wenn der Veranstaltungstitel „Mode trifft Politik“ lautet.

Wagenknecht kauft sich „immer so aus dem Bauch heraus“, was ihr gefällt. Auch was von Joop? „Kann durchaus sein. Auf die Marke achte ich nicht.“ Joop doziert darüber, dass Mode nicht Kleidung sei, sondern eher eine Strömung der Zeit, „ein Zeitabschnitt“. Ach ja, er werde auch immer nach Merkels Jacken gefragt. „So nach dem Motto: Können Sie da nichts machen?“ Kann Joop natürlich nicht und will er auch nicht, weil sich die Kanzlerin schon etwas dabei gedacht haben wird. So wie bei dem Dekolleté in Bayreuth damals. Aber das war es dann auch schon aus dem Bekleidungsbereich.

Viel ausführlicher berichten die beiden von ihrer jeweiligen Außenseiterrolle. Joop ist zwar 68er, hatte aber mit denen, „die auf Krawall gebürstet waren“ nichts am Hut. Wagenknecht wurde wegen ihres dunkleren Aussehens gehänselt und konnte sich nicht ins Kollektiv einfinden. Der heute 74-jährige Joop wuchs erst ohne Vater auf und dann mit einem, der sich nach dem Krieg im heimatlichen Potsdam nicht mehr zurechtfand und 1954 die Familie nach Braunschweig brachte. „Mein Vater hat die Familie früh verlassen“, sagt Wagenknecht, „ich habe mir dann meine eigene Welt erschaffen“, blickt sie zurück.

  Vor der Gesprächsrunde stellten sich Sahra Wagenknecht und Wolfgang Joop den Fotografen.
Vor der Gesprächsrunde stellten sich Sahra Wagenknecht und Wolfgang Joop den Fotografen. FOTO: dpa / Christoph Soeder

Ja, einsam seien sie gewesen, stimmen die zwei überein. Aber nicht unglücklich. Zurückgezogen und rebellisch. Immer das Gegenteil zu tun, von dem, was von einem erwartet wurde, „das macht unsere gegenseitige Anziehungskraft aus“, sagt der Modemacher. Und schwärmt von dem „madonnenhaften Antlitz“ Wagenknechts. Die 49-Jährige könne ihrem Äußeren nach „eine katholische Heilige sein, oder so was“. Warum nun diese „Person, die politisch nach vorn muss“, plötzlich in die zweite Reihe gehen wolle, leuchtet Joop nicht ein. Weil Wagenknecht schon öfter davon geredet hat, dass sie keinen Sinn darin sieht, ausgebrannt Politik als Spitzenfunktionärin zu machen, geht sie darauf nicht weiter ein. Auch wenn Joop ihre Jugend und Schönheit lobt und sagt, dass sie nicht so eine Kommunistin sei, wie er sie sich früher vorgestellt hat. „Das waren doch Leute, die viel rauchten, gesoffen haben und schlechte Zähne hatten.“

Wagenknecht eckte in der DDR an und trat im Sommer 1989 in die SED ein. „Zu dem Zeitpunkt haben sie jeden genommen, der gefragt hat.“ Sie wäre ja früher eingetreten, „aber die wollten mich nicht“. Als dann so viele sich wendeten und plötzlich die DDR geißelten, habe sie eben Land und Mauer verteidigt. „Da habe ich viel Blödsinn geredet.“ Wolfgang Joop hat einmal versucht, für die DDR-Textilwirtschaft zu arbeiten. Viel gebracht habe das nicht. Außer späteren Stasi-Vorwürfen. Aber wie die im Osten mit dem Mangel umgegangen sind, habe ihn immer fasziniert. Nun stünden „wir vor einer so großen Veränderung, dass wir uns alle wappnen müssen“. Es müsse Schluss sein mit dem bedenkenlosen Konsumieren. „Amazon wird es nicht mehr geben.“ Vielleicht auch keine Direktflüge zum Model-Nachwuchs von GNTM, wer weiß. Joop will jedenfalls künftig die Linken wählen. Grüne zu wählen, wäre doch Mainstream. Und bringe nichts, meint Wagenknecht. Denn: „Es gibt keinen grünen Kapitalismus.“ Die bekannteste Linke Deutschlands will gar keinen Kapitalismus. Der Künstler und Modemacher möchte ihn irgendwie „erneuern“. Man bleibe im Gespräch, versichern beide.