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| 06:22 Uhr

Berlin
Die DDR ist in Berlin immer noch präsent

 Parkende, bunt lackierte Trabis sind über Berlin aus dem Korb des Berliner Aussichtsballon Hi-Flyer zu sehen.
Parkende, bunt lackierte Trabis sind über Berlin aus dem Korb des Berliner Aussichtsballon Hi-Flyer zu sehen. FOTO: Maurizio Gambarini / dpa
Berlin. Seit mehr als 28 Jahren steht die Mauer nicht mehr – die DDR ist in Berlin aber immer noch präsent. Bei Trabi-Touren, im DDR-Hostel, an der Eisbude oder im Souvenirshop. Nicht alle finden das in Ordnung. Von Marlen Keß

Der sogenannte Zirkel-Tag ist erst wenige Tage her, mittlerweile ist die Mauer länger weg, als sie stand. Auch die DDR gibt es seit schon seit mehr als 27 Jahren nicht mehr. In Berlin begegnet sie einem trotzdem regelmäßig: an Landmarken wie dem ehemaligen Grenzübergang Checkpoint Charlie oder den Mauerresten der East Side Gallery, in Denkmalen, Gedenkstätten und Museen. Dazu kommen Ampelmännchen, DDR-Restaurants, Souvenirs und Softeis.

Zu den bekanntesten Denkmalen der DDR-Zeit zählt die Bronzeplastik auf Granitsockel, die in Prenzlauer Berg an Ernst Thälmann erinnert, den von den Nazis ermordeten ehemaligen Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Deutschlands. Nach dem Ende der DDR sollte das in den 1980ern errichtete Denkmal abgerissen werden – war aber zu schwer. Stattdessen wurden die propagandistischen Schrifttafeln demontiert. Nachdem es danach jahrelang verfiel, übernimmt die Pflege seit 2006 die Stadt.

Streit gab es immer wieder auch um Straßennamen, die an getötete Grenzsoldaten oder DDR-Politiker erinnern. Einige wurden umbenannt. Dazu gehören die heutige Wilhelmstraße, die bis 1993 an den ehemaligen Ministerpräsidenten Otto Grotewohl erinnerte, und die Reinhold-Huhn-Straße, benannt nach dem 1962 von einem Fluchthelfer erschossenen Grenzsoldaten, die seit 1991 Schützenstraße heißt.

Geschichtsinteressierte finden solche Infos in den vielen Museen und Gedenkstätten der Stadt. Zu den meistbesuchten gehören das Museum am Checkpoint Charlie, die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße und die Gedenkstätte im ehemaligen Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Sogar eine Museumswohnung gibt es: In einem Hellersdorfer Plattenbau herrscht auf 61 Quadratmetern mit Mobiliar, Bildern, Geschirr und Chromat-Fernseher DDR-Atmosphäre.

Doch die Erinnerung kann auch ganz alltäglich auf der Straße wachgerufen werden: Der Ampelmann zählt zu den berühmtesten DDR-Symbolen. Seit 2004 wird er in der ganzen Stadt verwendet. Das grüne oder rote Männchen mit Hut gilt als sympathisch – ausschlaggebend für die stadtweite Verwendung war der Senatsverkehrsverwaltung zufolge aber die höhere Leuchtkraft. Mittlerweile sind etwa 60 Prozent der rund 2100 Ampelanlagen Berlins mit Ostampelmännchen ausgestattet. Die Figur ist auch als Souvenir beliebt, in Form von Schlüsselanhängern, auf Tassen und Taschen gedruckt oder als Fruchtgummi.

Touristen erleben auch ein Stück DDR-Feeling, wenn sie bei sogenannten Trabi-Safaris in einer „Rennpappe“ die Stadt erkunden oder in DDR-Restaurants Würzfleisch und Jägerschnitzel essen. Zum Nachtisch gibt‘s für Nostalgie-Fans an einer Bude an der East Side Gallery DDR-Softeis, das von Verkäuferinnen im FDJ-Hemd angeboten wird. Sogar übernachten im DDR-Stil ist möglich: Im „Ostel“ in Friedrichshain mit Retro-Tapete, Kugellampe und Röhrenradio.

Lustig findet das längst nicht jeder. So kritisiert die Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft die Verwendung alter Machtzeichen wie Uniformen. Ähnlich sieht das der Gründungsdirektor des DDR-Museums, Robert Rückel, der mittlerweile das Spionagemuseum leitet: „Eine Grenze ist für mich erreicht, wenn Symbole der Diktatur nur noch das nostalgische Gefühl unterstützen.“ Beispiele seien verkleidete Soldaten-Schauspieler, eine Uniform als Verkaufsargument wie am Softeisstand oder die „Stasi-Suiten“ im „Ostel“. Letztere, mit Fotos von DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker ausgestattet und versteckten Plastik-Abhörwanzen beworben, gibt es mittlerweile nicht mehr.

„Es gibt zwei sehr unterschiedliche Erinnerungsnarrative: Diktatur und Alltag“, sagt der Berliner Zeithistoriker Martin Sabrow. Einerseits werde in Form von Denkmalen, Gedenkstätten und Museen vor allem an Repression, Teilung und Verfolgung erinnert – andererseits mit Ampelmännchen und DDR-Supermärkten auch an den Alltag im Arbeiter- und Bauernstaat. Die DDR sei nicht nur ein Regime gewesen, sondern auch ein Land, in dem gelebt, gelitten und gelacht wurde.

Zeugnisse einer überwundenen Vergangenheit müsse eine Gesellschaft nicht ganz ausradieren, sondern produktiv damit umgehen, so Sabrow: „Was spricht zum Beispiel dagegen, das Marx-Engels-Denkmal in der Mitte Berlins nicht beziehungslos sich selbst zu überlassen, sondern auf den Vorplatz der Humboldt-Universität in die ideengeschichtliche Denktradition zu stellen, in die es gehört?“

Der Ampelmann zählt zu den berühmtesten DDR-Symbolen. Seit 2004 ist er in der ganzen Stadt zu sehen.
Der Ampelmann zählt zu den berühmtesten DDR-Symbolen. Seit 2004 ist er in der ganzen Stadt zu sehen. FOTO: Rainer Jensen / dpa