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| 07:04 Uhr

Interview mit Gisela Mayer
„Aus dem monströsen Täter wurde ein Junge“

 Die Tochter von Gisela Mayer kam beim Amoklauf in Winnenden 2009 ums Leben.
Die Tochter von Gisela Mayer kam beim Amoklauf in Winnenden 2009 ums Leben. FOTO: dpa / Silas Stein
Winnenden. Mutter einer getöteten Referendarin empfindet keinen Hass mehr gegenüber dem Winnender Amokläufer.

Sie wollte verstehen, warum der 17-jährige Tim K. bei einem Amoklauf am 11. März 2009 in Winnenden ihre Tochter, eine angehende Lehrerin, erschoss. Gisela Mayer, Vorsitzende der Stiftung gegen Gewalt an Schulen beschreibt im Interview, wie aus Verstehen auch Verzeihen wurde.

Schauen wir zurück: Wie erlebten Sie die ersten Tage und Wochen nach der Tat?

Mayer Zuerst schien mir die Tat wie eine unvermeidbare Naturkatastrophe. Es dauerte lange, bis ich mir eingestehen konnte, dass es kein Schicksalsschlag war, dass meine Tochter nicht mehr lebt, sondern die Entscheidung eines Menschen. Die Tatsache, dass meine Tochter durch Mord ums Leben kam, ist sehr viel schwerer zu ertragen als ein Unfall- oder Krankheitstod. Ich habe den Vergleich, weil ich Jahre zuvor auch einen Unfalltod in meiner nächsten Familie zu verkraften hatte.

Wie ging es Ihnen, als Sie den Gedanken zuließen, dass die Tat eine „Menschenkatastrophe“ war, wie Sie es nennen?

Mayer Zunächst war da die unglaubliche Wut auf diesen Menschen – und dann fing ich an, mich zu fragen, wie dieser Wahnsinn geschehen konnte, dass ein Junge zum Mörder wird und seinesgleichen erschießt. Ein ganz normaler Junge, der in einer Familie aufwuchs und in die Schule ging, wie jeder andere auch.

Ich habe die Armseligkeit und den Mangel des Täters gespürt, der die anderen wegen ihres Glückes hasste. Weil sie so leben konnten wie er selbst es nicht konnte. Er hat gar nicht erfahren, was Leben bedeutet und auch nicht erkannt, was er vernichtet. Warum war er voller Hass, was ist schiefgegangen? Als ich mich das fragte und nach seinen Beweggründen suchte, wurde für mich aus dem monströsen Täter ein im Grunde armseliger, hasserfüllter Junge.

Hatten Sie auf Ihrer Suche auch Kontakt zu den Eltern?

Mayer Nein, das ist mir leider nicht gelungen. Gerne hätte ich mir ein Bild davon gemacht, wie der spätere Mörder so vieler junger Menschen aufgewachsen ist. Da muss irgendetwas geschehen sein, dass sich dieser Junge so entwickelt hat. Der Gerichtsprozess war die einzige Gelegenheit, an der ich den Vater des Jungen gesehen habe. Er wirkte völlig emotionslos.

Sie sprechen von dem Mangel, den Sie bei Tim K. gespürt haben – half Ihnen das, Mitgefühl für ihn zu entwickeln?

Mayer Es war ein Prozess, der in mir stattgefunden hat, ich habe diese unglaubliche Leere in ihm gesehen, die so groß war, dass sie dazu geführt hat, Hass auf die Fülle des Lebens anderer zu entwickeln und ihr Leben zu zerstören. Dieser Prozess des Verstehens und Bedauerns hat nichts mit der Schuldfrage zu tun, auch nicht damit, ob Lehrer oder Psychiater etwas hätten merken müssen. Ich entschuldige damit auch den Täter nicht. Seine Tat und die Schuld bleibt.

Aber heute kann ich sagen, dass ich vieles verstehe. Man nennt das Verzeihen. Ich selbst scheue davor zurück, einen so anspruchsvollen Begriff zu verwenden.

Doch heute empfinde ich keinen Hass mehr ihm gegenüber. Das befreit mich, dass ich nicht durch Hass an einen Menschen gebunden bin, den ich nicht einmal kenne, der mich aber fesselt und der auch mein Leben komplett verändert hat.

Was sagen die Eltern, die ebenfalls ein Kind bei der Tat verloren haben, dazu, dass Sie so über Tim K. denken?

Mayer Das sorgt eher für Unverständnis. Oft höre ich: „So etwas kann man doch nicht verzeihen – das war doch deine Tochter.“ Aber mein Schmerz wird dadurch, dass ich den Täter hasse oder dieser leidet nicht kleiner. Das eine ist nicht mit dem anderen verknüpft. Das ist das fatale am Gedanken der Rache. Viele Menschen denken, wenn ich mich am Täter räche, ist der Verlust besser zu ertragen.

Kann Ihre Familie nachvollziehen, dass Sie diese Haltung zum Mörder ihrer Tochter haben?

Mayer Ja, meine Familie versteht das, weil sie mich kennt und weiß, wie ich das meine. Und sie gehen diesen Weg auch mit – ganz besonders mein Mann. Das Verzeihen ist mir passiert. Es war nicht meine Absicht, es war nicht mein Können, es war eher Gnade.

 Die Tochter von Gisela Mayer kam beim Amoklauf in Winnenden 2009 ums Leben. Sie sagt, sie empfindet heute keinen Hass mehr auf den Täter.
Die Tochter von Gisela Mayer kam beim Amoklauf in Winnenden 2009 ums Leben. Sie sagt, sie empfindet heute keinen Hass mehr auf den Täter. FOTO: dpa / Silas Stein
(epd)