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| 21:11 Uhr

Mutmaßlicher Täter in U-Haft
“Jude, Jude“: Syrer greift in Berlin Israeli an

Antisemitisch geprägter Übergriff an der Lychener Straße Ecke Raumerstraße in Berlin. Am Dienstagabend hat ein junger Mann einen Israeli angegriffen, ihn mit einem Gürtel geschlagen. Nun wurde der mutmaßliche Täter geschnappt.
Antisemitisch geprägter Übergriff an der Lychener Straße Ecke Raumerstraße in Berlin. Am Dienstagabend hat ein junger Mann einen Israeli angegriffen, ihn mit einem Gürtel geschlagen. Nun wurde der mutmaßliche Täter geschnappt. FOTO: Paul Zinken / dpa
Berlin. Ein Handyvideo zeigt, wie am Dienstagabend ein Mann in Berlin auf einen jungen Israeli losgeht und ihn mit einem Gürtel schlägt und „Jude, Jude“ schreit. Die Empörung war groß. Sogar die Kanzlerin äußerte sich. Nun hart sich der mutmaßliche Täter der Polizei gestellt und sitzt in U-Haft.

Nach dem antisemitischen Angriff auf einen jungen Israeli und seinen Begleiter in Berlin hat sich der mutmaßliche Täter der Polizei gestellt. Der 19-Jährige erschien am Donnerstag gegen 12.30 Uhr beim Landeskriminalamt, wie die Polizei mitteilte. Begleitet wurde er von einer Rechtsanwältin. Gegen den Beschuldigten wurde nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft Haftbefehl wegen gefährlicher Körperverletzung erlassen, wie die Behörde am Abend twitterte. Der Mann befinde sich in Untersuchungshaft. „Er hat sich zur Sache nicht eingelassen“, betonte ein Polizeisprecher.

Der mutmaßliche Täter ist ein Flüchtling. Nach Polizeiangaben hat er die syrische Staatsangehörigkeit. Er ist seit 2015 in Deutschland. Wo er lebt, teilte die Polizei nicht mit. Auch zu möglichen Vorstrafen und seinen beiden Begleitern gab es keine Informationen. Die Kriminalpolizei hatte den mutmaßlichen Angreifer schon identifiziert, bevor er sich selber stellte. Zeugen hatten sich bei der Polizei gemeldet und Hinweise zu dem Mann gegeben. Auf dem Video, das der angegriffene Israeli gefilmt und ins Internet gestellt hatte, war das Gesicht des Täters gut zu erkennen.

Der 21-jährige Israeli und sein Freund waren am Dienstagabend im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg unterwegs, dabei trugen sie Kippas - traditionelle jüdische Kopfbedeckungen. Auf der Straße wurden sie von drei arabisch sprechenden Männern antisemitisch beschimpft. Einer der Männer schlug mit einem Gürtel auf den 21-Jährigen ein und versuchte, ihn mit einer Flasche zu schlagen. Schließlich flohen der Angreifer und seine Begleiter. Der Angriff hatte empörte Reaktionen von Politikern und Vertretern anderer Institutionen ausgelöst. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach von einem „schrecklichen Vorfall“ und betonte: „Der Kampf gegen antisemitische Ausschreitungen muss gewonnen werden.“

Irritationen gab es am Mittwochabend, weil bekannt wurde, dass der 21-Jährige, der aus Israel kommt und seit drei Jahren in Deutschland lebt, kein Jude ist. Zunächst waren alle, auch die Polizei, davon ausgegangen, obwohl der junge Mann das selber nie gesagt hatte. In Interviews erklärte er dann, er sei Israeli, aber kein Jude und auch nicht religiös.

In der Fernsehsendung „Stern TV“ sagte er: „Ich bin unter Juden aufgewachsen, meine ganzen Freunde in Israel sind Juden, ich habe auch Juden unter meinen Verwandten. Es hat etwas mit mir zu tun und es ist sehr wichtig für mich.“ Die Kippa habe er erst vor ein paar Tagen in Israel von einem Freund geschenkt bekommen, erzählte er an anderer Stelle. Trotz Warnungen habe er in Berlin die Erfahrung machen wollen, eine Kippa zu tragen.

Nach Darstellung der beiden jungen Männer kamen die Beschimpfungen und der Angriff der anderen Männer überraschend und ohne, dass es vorher eine Provokation von ihrer Seite gegeben habe. Mike Samuel Delberg, Repräsentant der Jüdischen Gemeinde, sagte, an dem Angriff ändere sich nichts durch die Tatsache, dass das Opfer kein Jude sei. „Die Tat richtete sich gegen jüdische Symbole und gegen Juden.“

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, forderte eine realistische Abbildung von muslimischem Antisemitismus in der Kriminalstatistik. Danach würden 90 Prozent dieser Taten von Rechtsradikalen begangen, sagte Klein der Tageszeitung „Die Welt“. „Von Juden in Deutschland höre ich aber etwas anderes. Vor allem der muslimische Antisemitismus ist stärker, als es in der Statistik zum Ausdruck kommt.“ Klein betonte: „Es stimmt: Judenhass hat auch ein hässliches islamistisches Gesicht und kann auch einen muslimischen Hintergrund haben. Antisemitismus ist in vielen islamischen Ländern verbreitet. Der wird oft nach Deutschland mitgebracht.“

Der Berliner SPD-Fraktionsvorsitzende Raed Saleh sagte im 105’5 Spreeradio, man brauche jetzt eine ehrliche und offene Diskussion darüber, wie eine multi-kulturelle, multi-ethnische und eine multi-religiöse Gesellschaft der Zukunft aussehen solle. Saleh, der selbst arabischstämmig ist, betonte mit Blick auf bestimmte Probleme in Teilen der Einwanderergruppierungen, eine Grundlage dafür sei das klare Bekenntnis gegen Antisemitismus. Aber es gehe auch um gewaltfreie Erziehung der Kinder, den Respekt gegenüber Menschen mit bestimmten Religionen, sowie das Recht, keinen religiösen Glauben zu haben.

(Von Andreas Rabenstein, dpa)