In der europä-ischen Flüchtlingskrise streiten Berlin und Brüssel um den richtigen Kurs. Eine Sprecherin der EU-Kommission wies den Vorwurf von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) zurück, der die Behörde vor dem Hintergrund steigender Flüchtlingszahlen der Untätigkeit bezichtigt hatte. "Die Zögerlichkeit der EU ist unerträglich", hatte er der "Bild"-Zeitung gesagt. SPD-Chef Sigmar Gabriel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier forderten eine neue, einheitliche Asylpolitik in der Europäischen Union. Nötig sei eine "faire Verteilung von Flüchtlingen in Europa", schreiben die beiden SPD-Politiker in einem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung". "Eine Lage, in der - wie heute - nur einige wenige Mitgliedstaaten die ganze Verantwortung tragen, ist genauso wenig tragbar wie ein System, das Lasten einseitig auf die Länder verteilt, die zufällig die Außengrenze der EU bilden." Beide SPD-Politiker fordern deshalb "verbindliche und objektiv nachvollziehbare Kriterien für die Aufnahmequoten aller Mitgliedstaaten, entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit". Vor allem den aktuell besonders belasteten Staaten müsse geholfen werden.

Die Lastenteilung in der Flüchtlingskrise ist unter den 28 Mitgliedstaaten umstritten. So gelang es ihnen bisher nicht, sich auf freiwilliger Basis auf die Verteilung von 60 000 Flüchtlingen in den kommenden zwei Jahren zu verständigen. Schon seit Längerem ist für Mitte November ein Sondertreffen der EU-Staats- und Regierungschefs zu Migrationsfragen auf der Mittelmeerinsel Malta geplant. Müller verlangte von Brüssel erneut ein Sofortprogramm über zehn Milliarden Euro, um unter anderem Notaufnahmezentren in EU-Staaten mit EU-Außengrenzen einzurichten.

In Mazedonien spitzt sich die Lage unterdessen weiter zu. Das Land kapitulierte jetzt nach wochenlangem Ansturm von Flüchtlingen und beendete die Blockade an der Grenze zu Griechenland. Hunderte Migranten, viele von ihnen aus Syrien, überquerten am Sonntag weitgehend ungehindert die Grenze. Die Sicherheitskräfte Mazedoniens, die an den beiden vorangegangenen Tagen Blendgranaten und Tränengas gegen Flüchtlinge eingesetzt hatten, hielten die Menschen nicht mehr auf, wie das Internetportal Vesti.mk berichtete. Am Samstag hatten Hunderte Flüchtlinge am Grenzübergang Gevgelija den Stacheldraht niedergerissen, um nach Mazedonien und von dort weiter nach Serbien zu gelangen.

Auch die italienische Küstenwache war am Wochenende wieder im Großeinsatz. 4400 Asylsuchende sind nach Angaben der Küstenwache binnen 24 Stunden im Mittelmeer gerettet worden. Sie stammten von 22 Schiffen und Schlauchbooten, die Notsignale gesendet hatten.

An den Rettungseinsätzen bei weitgehend ruhiger See waren auch Schiffe aus Norwegen und Irland als Teil der EU-Grenzschutzmission "Triton" beteiligt, wie die italienische Küstenwache am Sonntag mitteilte.