Wolf Biermann, der hier und heute ausgerechnet durch Wowereit zum 115. Ehrenbürger Berlins ernannt wird, hat mit der Keule vorgelegt: Er nennt Wowereits Koalition mit der PDS wenige Tage vor der Veranstaltung „verbrecherisch“ .

Vorschlag der CDU
Das macht die Sache für den Bürgermeister noch komplizierter. Er war ursprünglich sowieso gegen die Ehrung des Balladensängers, schon weil die PDS damit Probleme hatte. Außerdem kam der Vorschlag von der CDU, die damit durchaus ein taktisches Spielchen spielte. Erst eine breite Protestbewegung aus Sozialdemokraten wie Wolfgang Thierse und Christine Bergmann, Geistesgrößen wie Ralph Giordano und Richard Schröder, Bürgerrechtlern wie Marianne Birthler und Rainer Eppelmann und Medienleuten wie Friede Springer und Matthias Döpfner - allesamt im Saal anwesend - ließ Wowereit einlenken. Aber das Image des Kleinkarierten drohte an ihm haften zu bleiben. Wochenlang wurde an dieser „schwierigsten Rede seiner Amtszeit“ gefeilt, wie ein Senatsmitarbeiter berichtet. Und jetzt noch Biermanns Zusatzprovokation.
Wowereit wählt den Degen. Seiner durchaus geistreichen Würdigung des neuen Ehrenbürgers schaltet er eine „Bemerkung“ voran. Biermann dürfe den Senat kritisieren, wie er wolle. Aber „verbrecherisch“ , das gehe zu weit. „Ich darf diese Äußerung hier mit allem Nachdruck zurückweisen.“ Biermann sitzt in seiner Lederjoppe in der ersten Reihe, den linken Arm entspannt auf Wowereits Stuhl gelegt und hört sich das grienend an. Wowereit sagt zur Presse gewandt: „Ich glaube, das war jetzt noch kein Skandal.“
Biermann antwortet mit dem Florett. Wowereit, dessen Rede ihm gefallen habe, könne sich beruhigen, beginnt er. Von einem Verbrecher hätte er sich gewiss nicht ehren lassen. Nein, die Koalition sei ein Fehler. Aufatmen vorne bei den Matadoren der Rathauskoalition. Bis Biermann erklärt, wie er das meint. Er beziehe sich auf einen Dialog zwischen Talleyrand und Napoleon. Napoleon hatte willkürlich einen Oppositionellen hinrichten lassen. Sein Außenminister kritisierte das, schildert Biermann. „Bezichtigen Sie mich eines Verbrechens„“ , fragte Napoleon. „Sire“ , antwortete Talleyrand, „es war nicht nur ein Verbrechen, es war ein Fehler.“

Stadt ist gespalten
Die Stadt ist wegen der rot-roten Koalition tief gespalten. Vor dem Roten Rathaus wettern einige in die Kameras gegen den „Verbrecher-Senat“ . Biermann mit seiner Unversöhnlichkeit gegenüber den Kommunisten der SED und ihren Nachfolgern bestärkt die Kritiker. Von den Oppositionsparteien CDU, FDP und Grünen sind viele Prominente gekommen. Sie erhoffen sich Auftrieb.
Aber Biermann wäre nicht Biermann, wenn er nicht auch sie im Regen stehen lassen würde. Er ist eben der Mann zwischen allen Stühlen. Diese Ehrenbürgerschaft bedeute nach der Ausbürgerung durch die DDR 1976 zwar nun so etwas wie eine Wiedereinbürgerung, sagt er. Aber kürzlich habe ihm seine sechsjährige Tochter ein selbst gemaltes Bild geschenkt und darunter geschrieben: „Ich mag meinen Vater, weil er mich zum Lachen bringt.“ Biermann: „Was sind schon alle Ehrungen dagegen““