Einige Umzugskisten im neuen Haus von Holger Kuboth am Rande von Weißwasser sind noch nicht ausgepackt. Darin sind Steigerstöcke, Risskarten aus Lausitzer Bergbaufeldern, Mineralien, Erinnerungs- und Erbstücke aus seinem eigenen Bergmannsleben und dem seiner Vorfahren. Alles soll seinen Platz in einem "Bergmannszimmer" im Haus bekommen. Holger Kuboth ist einer, der ohne Zögern sagt, "ich bin stolz, Bergmann zu sein."

Da bei sah es 1996 schon so aus, als ob mit seinem Bergmannsleben Schluss sein würde. Damals wurde die Untertage-Entwässerung im Tagebau Nochten stillgelegt. In mehr als 100 Meter tiefe Schächte waren die Bergleute bis dahin in die Tiefe gefahren, um zusätzlich zu den Filterbrunnen "Strecken" in das Kohleflöz zu hauen, damit der Tagebau trocken blieb. Kuboth war bei der Schließung Chef dieses Bereiches .

Bei der letzten Ausfahrt aus dem Schacht stand er mit anderen Bergleuten auf der Förderschale, die sie nach oben brachte. "Wir haben das Bergmannslied gesungen und bei fast allen sind die Tränen gelaufen", erinnert sich der heute 48-Jährige an diese letzte Fahrt zum Licht. "Wenn ein Bergmann kein weiches Herz hat, ist er fehl am Platz." Holger Kuboth war der letzte Untertage-Obersteiger im Lausitzer Revier.

Er blieb in der Oberflächenentwässerung des Braunkohlebergbaus, bis ihn 2004 gesundheitliche Probleme durch die schwere Arbeit untertage einholten. Nach längerer Krankheit qualifizierte er sich noch mal für die Berufsbildung. Heute ist er Verantwortlicher für die gesamte betriebliche Ausbildung beim Energiekonzern Vattenfall in der Lausitz.

Der siebzehn Meter hohe Förderturm, mit dem Kuboth und seine Kollegen in die Entwässerungsschächte des Tagebaus Nochten eingefahren sind, steht heute auf dem Gelände der Energiefabrik Knappenrode. Den Nachbau einer unterirdischen Entwässerungsstrecke für das Bergbaumuseum hat Kuboth entworfen: "Da bin ich schon stolz drauf." Etwa zehn Jahre alt war Holger Kuboth, als ihn sein Vater Klaus zum ersten Mal mit untertage nahm. "Ich wollte immer Bergmann werden, das war irgendwo in meinem Herzen." Nicht nur sein Vater, auch drei vorangegangene Generationen der Familie verdienten im Bergbau ihren Lebensunterhalt. 100 Jahre reicht die Familientradition des Bergbaus zurück. Tochter Daniele setzt sie als Gerätefahrerin im Tagebau Welzow-Süd fort.

Im Kupferbergbau in Sangerhausen im Mansfelder Land (Sachsen-Anhalt) hat Holger Kuboth das Bergmannshandwerk Anfang der 80er-Jahre gelernt. Sein Arbeitsplatz danach sollte der damals geplante Kupferabbau bei Spremberg sein, doch dieses Bergwerk wurde nicht erschlossen. Kuboth ging in den Tagebau Nochten zur Untertage-Entwässerung, deren Chef sein Vater damals war. Als der 1989 in Rente ging, rückte sein Sohn nach .

Wenn Holger Kuboth ein Jackett anzieht, stecken immer Hammer und Schlegel am Revers. Zu festlichen Anlässen zieht er die Bergmannsuniform, das "Kleid", an. Anfang Januar war das der Fall, als die besten Vattenfall-Lehrlinge mit einem "Arschleder-Sprung" verabschiedet wurden. Das Leder, auf dem Bergleute im Erzgebirge früher durch die Strecken rutschten, wird von zwei Bergmännern gehalten. Der Azubi springt von einem "Eimer", der Schaufel am Eimerkettenbagger, darüber. Kuboth versucht, den Bergbaulehrlingen trotz moderner Technik im heutigen Tagebaubetrieb viele alte Begriffe aus der Bergmannssprache und Traditionsbewusstsein zu vermitteln. Mit Erfolg, wie er glaubt: "Die nehmen das gut an."

Insgesamt, so bedauert er, seien die Traditionen im Lausitzer Revier jedoch etwas verblasst. Die moderne Technik, das Ende der Untertagearbeit, hätten sicher dazu beigetragen. Der Bergmannschor sei überaltert, und zur alljährlichen Barbarafeier im Dezember seien zu wenige Kumpel direkt aus der Grube eingeladen. Im polnischen Kupferbergbau in Schlesien sei das noch ganz anders. Ein Mal im Jahr fährt Holger Kuboth mit den besten Lehrlingen des Jahrgangs für drei Wochen dort hin. Der polnische Bergmannsgruß geht dem Lausitzer inzwischen leicht über die Lippen. Als ihm die polnischen Kumpel vor eineinhalb Jahren einen Steigerstock schenkten, sei ihm das nahe gegangen.

W orauf sich sein Bergmannsstolz gründet? "Ich weiß, was ich selber untertage geleistet habe und ich kann dadurch auch einschätzen, was für eine Knochenarbeit die vorherigen Generationen vollbracht haben", sagt er. Oben, unten und an den Seiten dunkel, nur das Licht der Stirnlampe vor sich und den "Retter", die Atemmaske für den Notfall, an der Seite. Das sei für ihn das Bergmannsgefühl. Ohne Kameradschaft und Zuverlässigkeit ging dort nichts. Wenn er nicht untertage gearbeitet hätte, wäre er vielleicht ein anderer Bergmann geworden, vermutet Kuboth. Drei schwere Unfälle hat er dort miterlebt und überstanden. Der Verlust der halben Kuppe seines rechten Mittelfingers ist da nicht mit dabei. "Das war eher nur ein Missverständnis", winkt er ab .

H olger Kuboths Vater Klaus ist inzwischen 77 Jahre alt und wohnt in Schleife. Wenn das Vorranggebiet des Tagebaus Nochten genehmigt wird, muss ein Teil des Ortes umgesiedelt werden. "Mein Vater wird darauf nicht angesprochen", sagt der Sohn, "die Leute im Ort kennen seine Meinung ."

Er selbst sagt, dass er die Menschen schon verstehen könne, die vom Tagebau "aus ihrer vertrauten Umgebung geschoben" würden. Aber eine Lausitz ohne Braunkohle kann er sich nicht vorstellen. Jedenfalls nicht in den nächsten 30 Jahren. In 30 Jahren trennen Kuboths Tochter im Tagebau Welzow-Süd weniger als zehn Jahre von der Rente.