"Mehr fiel ihr dazu nicht ein, und mehr konnte ihr dazu wohl auch kaum einfallen", bemerkt der Soziologe Helmut Klages. Ähnlich wie in anderen Bereichen der Gesellschaft - der öffentlichen Bürokratie, der privaten Wirtschaft, den Verbänden und großen Vereinigungen - konstatiert der Professor aus Speyer auch bei den Parteien ein großes Defizit an Möglichkeiten, persönliche Engagement-Bereitschaft zu verwirklichen. Es gibt somit, wie er feststellt, hier zu Lande viel brachliegendes Humanpotenzial.

Mehr Selbstentfaltung
Klages, Autor des Buchs "Der blockierte Mensch", deutet dieses Potenzial als Teil eines in Ergebnissen repräsentativer Erhebungen sichtbar werdenden Wertewandels. Wie Klages erläutert, zeigt sich dabei eine Verschiebung der Orientierung weg von Unterordnung und Fügsamkeit hin zu mehr Selbstentfaltung. Hin zu der Erwartung auch, größere Chancen für eigene Initiativen und mehr Spielraum bei Planung und Ausführung von Aktivitäten zu haben.
Befragungen "einfacher" Parteimitglieder lassen häufig massiven Frust wegen der Enttäuschung solcher Erwartungen erkennen. Die einzig für sie vorgesehene politische Rolle bestehe im Abnicken vorgefertigter Vorstandsvorlagen bei lokalen Mitgliederversammlungen. Die meisten Mitglieder gingen aber gar nicht erst dort hin, weil sie bezüglich ihrer Einflussmöglichkeiten resignierten. All das werde als Normalzustand hingenommen, sagt Klages. Er zitiert eine Schätzung, wonach 80 bis 90 Prozent der Mitglieder der Parteien "Karteileichen" sind.

Mitarbeiter wollen mitmachen
Was die öffentliche Bürokratie angeht, so zeigen Befragungen von Mitarbeitern, dass kaum irgendwo mehr als 50 Prozent das Gefühl haben, sie könnten ihre Fähigkeiten und fachlichen Kenntnisse ausreichend in die Arbeit einbringen. Gerade aber der Wunsch hiernach steht bei den Mitarbeitern ganz oben. Seine Verwirklichung scheint Klages zufolge großenteils an den bestehenden Laufbahnverordnungen sowie den Personaleinsatz- und Personalverwendungspraktiken zu scheitern. Ferner an den Stellenbeschreibungs- und Geschäftsverteilungsplänen und so genannten Stellenobergrenzen-Verordnungen. Sie ziehen rigide Trennungslinien zwischen Dienstposteninhabern auf unterschiedlichem hierarchischen Niveau und zwischen verschiedenen Zuständigkeiten. Sie tragen zur Entstehung engmaschiger und starrer Kästenschemata der Tätigkeitsberechtigung und -verpflichtung bei.

Personal primär Kostenfaktor
Zur Situation der privaten Wirtschaft macht der Professor auf die gegenwärtig weltweit verbreitete "shareholder value"-Perspektive aufmerksam. Damit werde das Personal primär als Kostenfaktor gewertet und konsequenterweise möglichst wegrationalisiert. "Wo Strategien zur Motivationssteigerung in den Blick genommen werden, stehen überwiegend geldliche Anreize oder auch die Androhung von Gehaltsentzug und Entlassung im Vordergrund, also Strategien, mit denen am vorhandenen Bereitschaftspotenzial der Beschäftigten vorbei operiert wird."
Klages erwähnt als Indiz einer "Vergeudung von Humanpotenzial in großem Ausmaß" auch die Ergebnisse einer neuen repräsentativen Studie der Unternehmensberatungs-Gesellschaft Gallup Deutschland. Danach sind nur 15 Prozent der deutschen Arbeitnehmer als engagiert einzustufen. 69 Prozent machen "Dienst nach Vorschrift". Als wichtigsten Grund für den Frust derart vieler Mitarbeiter fand das Institut schlechtes Management heraus.

"Stillgestellte Mitglieder"
Die Diagnosen können auch auf die Verbände sowie auf halb- und quasiöffentliche Einrichtungen wie Stiftungen, Körperschaften, private Träger öffentlichen Rechts sowie der Wohlfahrtspflege ausgedehnt werden. Trotz aller Reformen bestehen die aus dem herkömmlichen Menschen- und Organisationsbild resultierenden Prinzipien bürokratischer "Misstrauensorganisation" unangefochten weiter, stellt der Soziologieprofessor fest. Für fast alle größeren Vereinigungen gelte: Ebenso wie in den Parteien werden die einfachen Mitglieder nach Möglichkeit "stillgestellt" beziehungsweise durch Ersatzangebote wie Informationsbroschüren und -veranstaltungen, geldwerte Sonderleistungen, Vergünstigungen und so weiter "bei der Stange gehalten".