Bärbel Cotte-Weiß, die Sprecherin des Landeskriminalamtes (LKA) Brandenburg, nennt die nüchternen Zahlen: Die Zahl der Tankbetrügereien sank um sechs Prozent. Im vergangenen Jahr fuhren Kraftfahrer in 4895 Fällen von Tankstellen davon, ohne zuvor das Gezapfte bezahlt zu haben. Ein Jahr zuvor passierte das fast 5200-mal. Das ist zunächst eine erfreuliche Entwicklung, die allerdings relativiert wird durch den angerichteten Schaden. Der blieb nämlich, bedingt durch die höheren Spritpreise, fast gleich. In den Kassen der Tankstellenpächter in Brandenburg fehlten durch den Benzinklau im Jahre 2002 satte 227 000 Euro. Im Vorjahr waren es mit 223 000 Euro nur 4000 Euro weniger. Die einzelnen Schadenssummen lagen zwischen 15 und 50 Euro.
Abschreckende Überwachung
In den Polizeischutzbereichen in Cottbus und Spree-Neiße, im Oberspreewald-Lausitz- und Elbe-Elster-Kreis bestätigt sich diese Tendenz. 630 Straftaten im Jahr 2002 stehen 510 im vergangenen Jahr gegenüber, wobei es im Polizeibereich Oberspreewald-Lausitz einen leichten Anstieg gab.
"Die Tankstellen sind fast alle durch Videoanlagen überwacht. Das wirkt sich positiv aus. Das Risiko ist für die Täter deutlich gestiegen", schätzt der Cottbuser Polizeisprecher Berndt Fleischer ein.
Das sieht auch die sächsische Polizei so. "Durch den Einsatz von Fernseh- und Videoüberwachungstechnik können die Täter wesentlich schneller identifiziert werden. Darüber hinaus haben diese Technik und weitere Sicherungsanlagen präventive Wirkung und tragen zum Rückgang solcher Straftaten bei", erklärt der Sprecher des Landeskriminalamtes in Dresden, Lothar Hofner. Schon im Jahre 2002 war Tankbetrug um zwölf Prozent auf 4870 Fälle zurückgegangen. Es entstand ein Schaden von 210 000 Euro. Im ersten Halbjahr 2003 habe sich dieser Trend fortgesetzt, so Hofner. Es gab 2356 Straftaten mit einem Schaden von 96 000 Euro. Die Zahlen für das gesamte Jahr liegen allerdings noch nicht vor.
Trügerische Statistik
Tankstellenbetreiber fühlen sich trotz der rückläufigen Statistik alles andere als sicherer. "Da habe ich im Monat ein oder zwei Fälle weniger, der Verlust ist aber deswegen nicht geringer", beschreibt Gregor Meier* die Situation. Für ihn ist Tankbetrug "nach wie vor ein heißes und ganz schweres Thema". Er wurde in den vergangenen Monaten besonders oft von Betrügern heimgesucht, wie die Polizei bestätigt. Seine Tankstelle ist über zwei Straßen in verschiedene Richtungen zu verlassen, bietet dadurch gute Fluchtmöglichkeiten.
Weil er konsequent die Diebe anzeige, ihnen auch privat auf die Pelle rücke, sei er schon vier Mal überfallen worden, erzählt Gregor Meier. Das Auto wurde demoliert, die Reifen zerstochen, sagt er zur Begründung, warum er lieber anonym bleiben will. "Tankbetrüger denken vielleicht, dass wir Schuld an den Benzinpreisen sind, genug daran verdienen und den Schaden ohnehin ersetzt bekommen. Das ist aber nicht so. Auf die Preise habe ich keinen Einfluss. Die werden von der Zentrale bestimmt und eingestellt", redet er sich seinen Frust von der Seele. "Einen Cent pro Liter bekomme ich Provision. Da muss ich nach einem Tankbetrug schon 500 Liter Benzin zusätzlich verkaufen, um den Verlust wieder auszugleichen", rechnet Gregor Meier vor.
Tankstellenbetreiber beklagen, dass Tankbetrug in der Öffentlichkeit als Kavaliersdelikt abgetan und von der Justiz zu wenig verfolgt wird. "Ich bekomme von der Staatsanwaltschaft auf meine Anzeigen immer wieder nur schriftliche Mitteilungen, dass die Täter nicht ermittelt oder das Verfahren wegen Geringfügigkeit eingestellt wird", sagt Meier und verweist auf eine ganze Anzahl solch amtlicher Bescheide.
Die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Cottbus, Cäcilia Cramer-Krahforst, wehrt sich gegen den Vorwurf, solche Taten nicht zu verfolgen. "Wenn Anzeigen eingehen, versuchen wir auch, die Täter zu finden", versichert sie. Oft seien aber auf den Videoaufnahmen Diebe und Kennzeichen nicht zu erkennen, weil "die Leute sehr geschickt vorgehen". Wenn Taten aufgeklärt sind, gebe es rechtliche Konsequenzen, versichert die Staatsanwältin. Entweder werde Anklage erhoben oder ein Strafbefehl erlassen.
Nur bei sehr geringem Schäden, maximal bis 25 Euro, würden Verfahren gegen Ersttäter eingestellt. "Das ist gesetzlich möglich", so die Behördensprecherin. Jugendliche müssten sich generell vor Gericht verantworten.
Allerdings liegt die Aufklärungsquote bei Tankbetrug trotz verbesserter Überwachung der Zapfsäulen nach wie vor unter dem Durchschnitt. In Brandenburg wurden gut ein Drittel der Diebe überführt, in Sachsen etwa 40 Prozent. Die Aufklärungsrate der Gesamtkriminalität liegt bei knapp 60 Prozent.
Einfallsreiche Diebe
Um kostenlos an Benzin zu kommen, sind die Betrüger, meist junge Männer im Alter zwischen 18 und 30 Jahren, einfallsreich. LKA-Sprecher Hofner weiß von einer ganzen Anzahl solcher Tricks: Manche manipulierten die Nummernschilder der Autos, um nicht identifiziert werden zu können. Andere wiederum füllten die Tanks voll, kauften im Shop billige Waren, ohne das Benzin zu bezahlen. Dritte "zahlten" mit Kunden- oder Kreditkarten, obwohl sie wussten, dass nicht ein Cent auf dem Konto war. "In vielen Fällen ist es aber auch einfach Vergesslichkeit in der Hektik des Alltags", meint der Cottbuser Polizeisprecher Berndt Fleischer. "Wenn die Leute dann von uns eine Vorladung bekommen, sind sie richtig erschrocken."
Tankstellenbetreiber Gregor Meier kann dass nicht glauben. "Mir ist es einmal in zwölf Jahren passiert, dass jemand gekommen ist, um nachträglich seine Tankrechnung zu begleichen. Und das war auch noch ein Bekannter. Dem war es echt peinlich."
* Name geändert