Der liberale Regierungschef stellte der grünen Verkehrsministerin Isabelle Durant ein Ultimatum und trieb so den Streit um Nachtflüge über der Brüsseler Innenstadt auf die Spitze. Entnervt warf Durant am Sonntagabend die Brocken hin und stieg - quasi mit dem Schleudersitz - aus der Koalitionsregierung aus.
Damit ist Verhofstadt einen ungeliebten Partner losgeworden, ohne dass die Regierung darunter leiden würde: Das Parlament hat seine Arbeit bereits eingestellt, wichtige Entscheidungen stehen bis zum Wahltag am 18. Mai nicht mehr an. Politische Analytiker halten Verhofstadts Manöver in letzter Minute deshalb für kühl kalkuliert, um Wähler aus dem rechten Spektrum an seine Partei der flämischen Liberalen VLD zu binden.

Sprachenstreit in Belgien
Der Regierungschef arbeitet am Image des starken Mannes in der belgischen Politik. "Ich zeige, wer der Boss ist", zitierte das flämische Boulevardblatt "Het Laatste Nieuws" den Premierminister gestern in seiner Hauptschlagzeile auf Seite eins. Und mit der Verlegung der Flugrouten bedient der Flame Verhofstadt gezielt die Klientel im nördlichen Landesteil: Der Ärger um die Flugrouten ist eng mit dem Sprachenstreit in Belgien verbunden.
Bisher stört der Fluglärm vor allem die niederländisch-sprachigen Flamen im Brüsseler Umland. Die geplante Änderung würde auch die überwiegend französischsprachige Bevölkerung in der Hauptstadt aus dem Schlaf schrecken. Ministerin Durant gehört den frankophonen Grünen Ecolo an, während Verhofstadts VLD in Flandern wiedergewählt werden will. Ecolos flämische Schwesterpartei Agalev blieb der Koalition mit Liberalen und Sozialisten unterdessen treu.
Doch Durant erklärte, sie wolle nicht "mit der Pistole an der Schläfe" über Flugrouten entscheiden und warf Verhofstadt "politischen Terrorismus" vor. Der Regierungschef hatte die grüne Ministerin aufgefordert, binnen 24 Stunden einen Kabinettsbeschluss vom Januar umzusetzen und neue Flugrouten über Brüsseler Wohngebieten auszuweisen. Durant, die selbst in einem betroffenen Stadtteil wohnt, verlangte mehr Zeit für die Prüfung der Strecken.
Statt mit dem beliebten Ex-Radprofi Eddy Merckx in den Wahlkampf zu radeln, rief Verhofstadt deshalb am Sonntag seine Minister zur Krisensitzung zusammen. Sein Plan, der Verkehrsministerin kurzerhand die Zuständigkeit für den Luftverkehr abzunehmen, stieß auf Zustimmung - außer bei Durant und ihrem grünen Parteifreund Olivier Deleuze, dem Staatssekretär für Energiefragen. Beide reichten bei König Albert II. ihren Rücktritt ein.

Rückenwind für VDL erhofft
Verhofstadt hofft nun auf neuen Rückenwind für seine Partei. In Umfragen stand die VLD zuletzt nur noch äußerst knapp vor den Sozialisten und den oppositionellen Christdemokraten. Doch der König beauftragt traditionell den Spitzenmann der stärksten Partei mit der Regierungsbildung. Darum müssen zunächst die 7,5 Millionen Wähler entscheiden, ob sie Verhofstadt nach der Bruchlandung seiner Koalition erneut den Steuerknüppel anvertrauen wollen.