Zwar winken viele Flamen ab. "Sehr wenige in Flandern wollen doch des Ende von Belgien an sich", schrieb gestern die flämische Zeitung "De Standaard" und sprach von einem "hartnäckigen Missverständnis". Aber verschiedene Vorstöße flämischer Politiker haben diesen Eindruck in den vergangenen Wochen weiter verstärkt.

Separatismus im Norden erstarkt
Nicht nur frankophone Brüsseler und Wallonen, die etwa 40 Prozent der belgische Bevölkerung stellen, sehen den erstarkten Separatismus des nördlichen Landesteils mit Sorge. Für den Erhalt Belgiens demonstrierten am Sonntag auch viele niederländisch sprechende Bürger: Befragungen der Universität Löwen zufolge kam gut jeder fünfte Teilnehmer aus Flandern. "Das ist viel, zumal die Presse im Norden kaum auf diese Demonstration hingewiesen hat", sagte Soziologie-Professor Mark Swyngedouw der Zeitung "Le Soir".
Was viele Flamen indes wollen, ist eine große Staatsreform. Die soll den Einfluss der niederländisch sprechenden Bevölkerung im Brüsseler Umland stärken und Zahlungen für den ärmeren Süden beschränken. Flämische Politiker, die bei der Wahl zum nationalen Parlament am 10. Juni wie ihre Kollegen im Süden nur auf regionalen Listen antraten, verfechten diese Forderungen mit Vehemenz.
Erst klare Festlegungen zur Staatsreform, danach eine neue Regierung: Diese Bedingung maßgebender Flamen bremst die Koalitionsverhandlungen zwischen Konservativen und Liberalen aus beiden Landesteilen seit Monaten. Vor seinem Wahlsieg hatte der flämische Christdemokrat Yves Leterme den frankophonen Belgiern die geistige Fähigkeit zum Erlernen des Niederländischen abgesprochen. Nun wachsen die Zweifel an seinen Fähigkeiten, eine funktionierende Regierung auf die Beine zu stellen.
Noch-Premierminister Guy Verhofstadt betrachtet das Gezerre der Koalitionsverhandlungen mit wachsender Besorgnis. "Ich hätte ehrlich gesagt nicht erwartet, dass ich hier heute noch stehen würde", sagte der Liberale beim Festtag des Königs vergangene Woche. Verhofstadts Rumpf-Regierung führt noch die laufenden Geschäfte. Wegweisende Entscheidungen kann sie keine mehr treffen.
Dabei drängen Probleme mit Renten und Arbeitsmarkt, wachsenden Staatsschulden, steigenden Preise für Energie und Lebensmittel, Steuerpolitik und Konkurrenzkraft belgischer Unternehmen. "An der politischen Krise hängt ein wirtschaftliches Preisschild", warnte die Zeitung "De Morgen". Früher wäre der belgische Francs in schwere Turbulenzen geraten: "Dank des Euro geschieht das nicht." So kann sich die Krise noch wochenlang hinschleppen.

70 000 Deutschsprachige im Osten
Letztlich werde man aber eine Lösung für die aktuellen Probleme finden, glaubt Karl-Heinz Lambertz, Ministerpräsident der Deutschsprachigen Gemeinschaft. Die rund 70 000 Deutschsprachigen im Osten des Landes "fühlen sich sehr wohl in Belgien" und hofften auf die landestypische Fähigkeit zum Kompromiss: "Der belgische Kompromiss", scherzte Lambertz jüngst, "zeichnet sich dadurch aus, dass er unbedingt kompliziert sein muss und erst nach einer gewissen Dramaturgie zustande kommt."

Zum Thema Belgien für einen Euro
 Dem früheren Journalisten Gerrit Six wurde der Streit im Königreich kürzlich zu dumm. Er bot sein Land bei Ebay zum Verkauf an. "Ein Königreich in drei Teilen mit dem einzigen Nachteil von 300 Milliarden Staatsschulden" hieß es. Und: "Belgien besteht aus Flandern, Brüssel und Wallonien" - es könne als Ganzes gekauft werden, das sei aber nicht ratsam. Der Schnäppchen-Startpreis betrug einen Euro. Die Gebote erreichten jedoch Millionenhöhe, bevor Ebay den Verkauf des Landes stoppte. Es könnten keine "unrealistischen oder virtuellen Dinge" versteigert werden.