Belgien steht nach den Terrorattacken von Paris weiter im Zentrum der Ermittlungen, da drei der Attentäter sowie der mutmaßliche Drahtzieher Abdelhamid Abaaoud aus der Brüsseler Teilgemeinde Molenbeek stammen beziehungsweise längere Zeit dort gelebt haben. Am Donnerstag kam es dort zu sechs Razzien, die sich laut Polizei auf das Umfeld des 20-jährigen Bilal Hadfi konzentrierten. Der Franzose, der zuletzt in Molenbeek wohnte, hatte sich am Freitag beim Stade de France als Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt. Auch nach Salah Abdeslam, nach aktuellem Kenntnisstand der letzte Überlebende von acht Terroristen, wird mit Hochdruck gefahndet.

Parallel dazu kündigte Premier Charles Michel vor dem belgischen Parlament eine deutlich härtere Gangart gegenüber gewaltbereiten Islamisten an. In einem Nachtragshaushalt für 2016, der nächste Woche vorgelegt werden soll, werden zusätzlich 400 Millionen Euro für neue Maßnahmen im Anti-Terror-Kampf bereitgestellt. Das Geld soll eingesetzt werden, um den Hassbotschaften etwas entgegenzusetzen, aber auch um die Kräfte der Polizei zu bündeln.

Belgien steht in der Kritik, da der zersplitterten Struktur seiner Sicherheitskräfte eine Mitschuld daran gegeben wird, dass sich das Elf-Millionen-Einwohner-Land zur Drehscheibe des Dschihadismus in Europa entwickeln konnte. Allein aus Brüssel, das aus sechs Polizeibezirken besteht, die aber wiederum den Bürgermeistern der 19 Teilgemeinden unterstehen, machten sich bisher 141 Kämpfer in Richtung Syrien und Irak auf. "In Sicherheitsfragen ist Brüssel das perfekte Beispiel für organisiertes Chaos", sagte etwa kürzlich Hans Bonte, Bürgermeister der Vorortgemeinde Vilvoorde, aus der ebenfalls eine Reihe Jugendlicher in den Dschihad gezogen ist. "Dort jedoch hat man die Lage mittlerweile im Griff", erklärt ein Regierungsinsider gegenüber der RUNDSCHAU, weshalb manche Extremisten inzwischen offen sagte "Ich ziehe nach Brüssel, weil ich da weniger kontrolliert werde." Belgiens Premierminister Michel verteidigte am Donnerstag dennoch unter Applaus die Arbeit der Polizei: "Ich kann die Kritik nicht akzeptieren, die darauf abzielt, unsere Sicherheitskräfte schlechtzumachen, die eine schwierige und gefährliche Arbeit machen."

Sie sollen nun neue Instrumente in die Hand bekommen. So will Michel, dass Belgiens rund 500 Syrienkämpfer in Haft kommen, wenn sie wieder einreisen: "Der Platz zurückkehrender Dschihadisten ist das Gefängnis." Für weitere etwa 1000 "Gefährder" im Land schlägt der 39-jährige Ministerpräsident eine Überwachung per elektronischer Fußfessel vor. Er brachte gar eine Verfassungsänderung ins Spiel, um Verdächtige nicht mehr bis zu 24, sondern bis zu 72 Stunden vorsorglich in Gewahrsam nehmen zu können. Und ganz praktisch: In Belgien soll es künftig keine anonymen Handy-Prepaidkarten mehr geben.

Für Molenbeek kündigte Michel zudem einen Plan der Regierung an, um die Lage mit mehr Polizei und mehr Einsatz gegen die sozialen Probleme unter Kontrolle zu bekommen. Dort hatten am Vorabend 2000 Menschen der Opfer der Pariser Anschläge gedacht. Es ändert aber nichts daran, dass Belgien nun "schrecklich schlecht dasteht", wie der Regierungsinsider meint: "Hoffentlich führt die internationale Kritik dazu, dass es nun wirklich Mehrheiten gibt, unsere überholten Strukturen zu ändern."

Zum Thema:
Die Mitte-Rechts-Koalition des belgischen Premiers Charles Michel brachte bereits im Januar ein Anti-Terror-Gesetzespaket auf den Weg. Damals hoben Sicherheitskräfte in einer spektakulären Aktion eine Terrorzelle im ostbelgischen Verviers aus, zwei Verdächtige starben. Zu den Neuerungen der Regierung gehörte die Einrichtung eines nationalen Sicherheitsrats, um die Arbeit von Geheimdiensten und Sicherheitsbehörden zu koordinieren.