Die Polizei ist es gewöhnt, im Fokus der Aufmerksamkeit zu stehen. Diese ist allerdings auch in der Lausitz immer häufiger nicht von Respekt sondern von Gewalt geprägt. Autodiebe, die rücksichtslos Polizeifahrzeuge von der Straße drängen oder Polizisten zu überfahren suchen, Drogenkuriere auf Crystal Meth, die unkontrolliert reagieren, Beschuldigte, die mit den Fäusten auf Beamte losgehen - all das gehört für Lausitzer Beamte zum Alltag. Eine Konsequenz: "Die Kollegen haben die Schutzwesten früher im Auto gehabt und bei Bedarf angezogen, heute tragen sie sie am Mann", schildert Torsten Wendt, Sprecher der Polizei in Cottbus.

Meist sind es Männer

In Zahlen ausgedrückt: Im Jahr 2015 wurden im Land Brandenburg 912 Fälle von Gewalt gegen Polizeibeamte erfasst, zwölf mehr als im Vorjahr. In 19 Fällen registrierte das Ministerium Gewalt gegen Rettungskräfte. In Sachsen gab es 2014 - eine neuere Statistik liegt noch nicht vor - insgesamt 1284 Fälle von Gewalt gegen Polizeibeamte. Das sind fast sieben Prozent mehr als im Vorjahr. "Die meisten Gewaltakte ereigneten sich im Zusammenhang mit der alltäglichen Polizeiarbeit wie bei Identitätsfeststellungen, aber auch bei besonderen Anlässen wie Demonstrationen oder Fußballspielen", so ein Sprecher des Innenministeriums in Dresden. Die meisten der Tatverdächtigen waren männliche Erwachsene deutscher Nationalität - und in rund 30 Prozent der Fälle alkoholisiert.

Es waren die drastischen Taten, die Schlagzeilen machten: 2012 erstach in Neuss ein Arbeitsloser seinen Sachbearbeiter im Jobcenter; 2014 wurde ein Finanzbeamter in Rendsburg von einem Steuerberater erschossen. Und 2015 tötete ein Bauer im Havelland einen Mitarbeiter des Veterinäramtes. Gewiss krasse Einzelfälle, aber auch Ausdruck einer Tendenz. Jeder Beschäftigte des öffentlichen Dienstes hat laut aktuellen Studien schon Beleidigungen oder aggressive Attacken erlebt. "Da ist etwas eingerissen in den letzten Jahren", zeigte sich Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) gestern bei einer Fachkonferenz in Berlin besorgt.

"Natürlich hat es schon Gespräche gegeben, die eskaliert sind", berichtet auch Heinz-Wilhelm Müller von der Agentur für Arbeit Cottbus. Aus den zurückliegenden zehn Jahren ist dem geschäftsführenden Vorsitzenden zwar kein Fall von körperlicher Gewalt bekannt. Der Wachschutz im Jobcenter Cottbus habe bisher "kaum eingreifen müssen". Wenn große Unzufriedenheit bei den Kunden in verbale Gewalt und Aggression umschlägt, sei es notwendig, deeskalierend zu wirken. Der Agenturchef: "Darauf sind unsere Mitarbeiter geschult."

Ein bundesweiter Trend

Innenminister de Maizière listet auf: Die Gewalt gegen Polizisten nehme zu, Mitarbeiter in Ämtern seien immer häufiger mit Pöbeleien konfrontiert, selbst Lehrer müssten sich mit Drohgebärden von Eltern auseinandersetzen, wenn es beispielsweise um das eingezogene Handy ihres Kindes gehe. Zudem verstärke das Internet die Entwicklung. "In sozialen Netzwerken explodiert mittlerweile der Hass", so der Minister - und das nicht erst seit Beginn der Flüchtlingskrise. Er warnte: "Verrohte Sprache ist Gift." Der Weg hin zur physischen Gewalt könne ein kurzer sein.

Nach Angaben des Bielefelder Gewaltforschers Andreas Zick ist die Zahl der jährlichen Angriffe auf Polizisten inzwischen auf mehr als 60 000 angestiegen, auch Rettungskräfte blieben vor wütenden Ausbrüchen nicht verschont. 80 Prozent der Zugbegleiter hätten bei einer Umfrage angegeben, sie hätten Angst vor der Nachtschicht. Zick analysierte, dass es durchaus Situationen geben könne, die Aggressionen förderten - die Kürzung oder die Ablehnung von Sozialleistungen durch Ämter beispielsweise, selbst des Abschleppen eines Fahrzeuges oder Verwarn- und Bußgelder gehörten dazu. Damit umgehen zu lernen, gefährliche Situationen zu erkennen und vielleicht zu entschärfen, darauf müssten die Beschäftigten im öffentlichen Dienst besser vorbereitet werden.

Der Vorsitzende des Beamtenbundes, Klaus Duderstädt, erinnert zudem daran, dass es bei vielen Bürgern inzwischen eine Art "Abholmentalität" gebe, ein Anspruchsdenken. Erfülle es sich nicht, führe dies zu Frust.

Doch was tun? De Maizière forderte eine große gesellschaftliche Debatte über Respekt und Anstand, "eine Rückbesinnung auf ethische Grenzen und moralische Tabus". Zugleich appellierte er an Eltern, ihren Kindern mehr Vorbild zu sein in einem vernünftigen Sozialverhalten.

Mehr Schutz und Prävention

Negative Entscheidungen von Ämtern müssten wieder mehr akzeptiert werden. Außerdem plädierte der Minister für konkrete Schutzmaßnahmen wie Notruftasten in bestimmten Behörden, mehr Schulungen in Deeskalation und Bewältigung von Konfliktlagen. Gleichzeitig kündigte der Minister aber auch an: "Härtere Strafen helfen. Wir werden in der Innenministerkonferenz darüber reden."