Was hat die Kampagne bewirkt?
Sie hat wirklich gute Erfolge gebracht. Wenn man sich anschaut, dass wir in Deutschland mit 3200 Neuinfektionen 2013 neben Finnland die europaweit niedrigsten Infektionsraten haben, dann wird der enge Zusammenhang zu einer langjährigen und intensiven Präventionsarbeit sichtbar. Über alle Gruppen hinweg haben wir ein hohes und noch weiter leicht steigendes Schutzverhalten über Kondomnutzung. Im Schulterschluss mit nichtstaatlichen Organisationen wie der Deutschen Aids-Hilfe haben wir von Anfang an eine sehr zielgruppengerechte Ansprache umgesetzt und Betroffene selbst in die Kampagnen-Strategie einbezogen.

Was ist noch nicht erreicht, wo sehen Sie Handlungsbedarf?
Geschätzte 14 000 Menschen wissen nicht von ihrer Infektion. In der Regel hat man über Jahre keine Symptome. Kommt es bei diesen Menschen zu sexuellen Kontakten ohne Kondom, geht damit ein Infektionsrisiko einher. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Kommunikation verändern sich weiter. Junge Leute, die wir immer wieder als ganz wichtige Zielgruppe neu erreichen müssen, sprechen wir verstärkt über das Internet an. Wir müssen auch an die Menschen, die aus anderen Ländern zu uns kommen, gezielt herangehen. Prävention und Aufklärung müssen unvermindert weitergehen, Testangebote aufrechterhalten werden, um die verbesserten Therapiemöglichkeiten auszuschöpfen.

HIV ist inzwischen eine behandelbare chronische Erkrankung, der Übergang in die lebensbedrohliche Immunschwächekrankheit Aids vermeidbar. Ist Aids also besiegt?
Eigentlich ist Aids heute durch die gute medizinische Behandlung vermeidbar. Allerdings sind im letzten Jahr 550 Menschen in Deutschland an Aids gestorben, weil man ihre Erkrankung so spät diagnostiziert hat. In gar keinem Fall darf nun davon ausgegangen werden, HIV wäre besiegt und man müsste sich nicht mehr schützen. Im Gegenteil. Wir müssen weiter Anstrengungen unternehmen, um Neuinfektionen zu verhindern. HIV ist noch immer eine Krankheit, die ein Leben lang behandelt werden muss. Nicht jeder verträgt die Medikamente gut. Und es handelt sich um eine chronische Krankheit, die ein hohes Potenzial birgt, stigmatisiert zu werden.

Gibt es also noch immer Ausgrenzung? Wie hat sich der Umgang verändert in 30 Jahren?
Zu Beginn, als HIV und Aids vor 30 Jahren bei uns zum ersten Mal auftauchten, hatten wir ein Klima der absoluten Hysterie. Die Leute hatten Angst vor Papiertaschentüchern in Mülleimern und vor sozialen Kontakten. Mangelndes Wissen ist oft der Grund für Panik, irrationales Verhalten und auch für mangelnde Solidarität. Das konnten wir zurückdrängen. Aber wir stehen nicht am Ende unserer Bemühungen. Es gibt bei uns noch Diskriminierung. Wir müssen Solidarität immer wieder herstellen. Deshalb haben wir Menschen, die HIV positiv sind, eng in die Prävention mit einbezogen, um Glaubwürdigkeit und soziale Nähe zu verstärken.

Der Blick über die Grenzen zeigt das Ausmaß der Epidemie. Das Aids-Programm der Vereinten Nationen hat dennoch das Ziel, HIV bis zum Jahr 2030 weitgehend zu besiegen. Milliardensummen dafür vorausgesetzt. Ist das realistisch?
Weltweit sind geschätzte rund 35 Millionen Menschen infiziert. 13 Millionen von ihnen haben Zugang zu Medikamenten. Das ist eine deutliche Verbesserung. Aber die Medikamente müssen auch konsequent, begleitet und kontrolliert eingenommen werden, damit sie zu verminderter Infektiosität führen und damit nicht Resistenzen entstehen. Wir haben ein sehr gutes Gesundheitssystem in Deutschland, aber das ist weltweit längst nicht überall der Fall. Deshalb ist es wichtig, auf Prävention und Schutzmaßnahmen zu setzen. Das geht nur nicht, ohne Sexualität und Kondomnutzung zu thematisieren, was aber in vielen Ländern noch ein großes Tabu ist.

Mit Elisabeth Pott

sprach Yuriko Wahl-Immel

Wann wird von HIV, wann

von Aids gesprochen?

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