Sie haben einen ganzen Strauß voller Probleme: zu wenig Arbeit, zu viele Wohnungen, zu wenig Freizeitangebote, zu viele Drogenkonsumenten. Auf fünf Kilometern Länge müssen jetzt Fünfgeschosser abgerissen werden, weil seit der Wende jeder Dritte die Stadt verlassen hat. Mehr als jeder Vierte hat inzwischen keinen Job mehr.
Einfach trostlos, würde sicher manch einer sagen. Doch da gibt es den Sport: Eishockey, eine Tradition, ein Lebensgefühl.
Der Kampf der "Lausitzer Füchse" in der Oberliga um den kleinen schwarzen Puck verbindet die Weißwasseraner: Diejenigen, die all ihre eigenen Wünsche auf die Eisfläche projizieren, mit denen, die noch für sich selbst hoffen wollen und können. Wenn 2000 Kehlen die "Füchse" bei den Heimspielen nach vorne peitschen, tankt jeder auf seine eigene Weise Zuversicht.
"Die Atmosphäre im Stadion ist mit nichts vergleichbar, das Publikum geht richtig mit", schwärmt Oberbürgermeister Hartwig Rauh. Seine Augen funkeln, blitzen. "Wir müssen als Stadt positive Signale setzen. Und dazu gehört ganz sicher der Eissport." Doch dann runzelt er die Stirn. "Theoretisch", erklärt Rauh, "müssten wir jetzt aber reagieren: das Training des Profi-Teams einfach einmal ausfallen lassen oder das Licht in der Eishalle ausmachen."

Kommunalaufsicht im Nacken

Rauh weiß, dass das nicht geht. Der Unmut Tausender Fans wäre ihm gewiss. Füchse-Fan Rauh ist Politiker. Aber auch Verwaltungschef. Und dem sitzt die Kommunalaufsicht im Nacken.
Deren Signal war mehr als deutlich. Weißwasser muss bei den "freiwilligen Aufgaben" sparen. 2,4 Millionen Euro lässt sich die Stadt jedes Jahr ihren Tierpark, Bibliotheken, das Volkshaus, Schwimmbäder und den Sport kosten. Fast jeden zehnten Euro gibt sie dafür aus. Der Eissport ist dabei mit zwei Prozent des Gesamthaushalts das größte Projekt. "Da haben wir allein im vergangenen Jahr 564 000 Euro zugeschustert", sagt Finanzbürgermeister Ronald Krause. "Und seit 1992 haben wir insgesamt sechs Millionen Euro in den Eissport investiert."
Um den Haushalt auszugleichen, hat die Stadt schon Kredite aufgenommen, die Pro-Kopf-Verschuldung der Bürger in Weißwasser erhöht. "Für den Eissport als wichtigste Sport-Tradition der Stadt haben wir das gerne gemacht", sagt Oberbürgermeister Rauh. "Doch wir müssen jetzt sehen, dass wir die Zuschüsse senken", ergänzt Krause. Das Freibad hat die Stadt schon in private Hände gegeben, um Kosten zu sparen. Die Eishalle soll Anfang August folgen. Dann werden der neue Betreiber und die EHC "Lausitzer Füchse" Spielbetriebs-GmbH selbst über die Miete verhandeln müssen.
Oberbürgermeister Rauh scheint darüber nicht gerade unglücklich. Verletzte Gefühle sind dabei offensichtlich mit im Spiel. Denn die Stadt fühlt sich vom Management der "Lausitzer Füchse" unfair an die Bande gedrückt.
Im vergangenen August hatte die Stadt der Spielbetriebs-GmbH nämlich einen Mietvertrag bis zum Jahresende 2003 für das Eisstadion vorgelegt. Bis Oktober sollte die Miete überwiesen sein. Wurde sie aber trotz Mahnung nicht, weil es, so der EHC, "kein Vertragsverhältnis gäbe, die Füchse-Geschäftsführung den Mietvertrag nicht unterschrieben hatte", erklärt Rauh. "Und als wir den Vertrag im Dezember nochmals bei den Füchsen eingereicht haben, sind wesentliche Vertragsinhalte bemängelt worden."

Kein gültiger Mietvertrag

Bis heute hat der EHC noch immer keinen gültigen Mietvertrag für die laufende Saison. Im Januar übergab die Geschäftsführung zwar der Stadt eine abgeänderte Version. Danach sollte die Stadt dem EHC die Ausschankrechte im Stadion zukommen lassen. Die Einnahmen der Stadt aus der Vergabe dieses Rechts belaufen sich auf 40 000 bis 45 000 Euro im Jahr. Das entspricht in etwa der Jahresmiete für das Stadion. "Diese Forderung können wir aber nicht erfüllen, weil diese Rechte vergeben und mit dem Sponsoring für den Eishockey-Nachwuchs verknüpft sind", wie Rauh erklärt. "Und obwohl wir mittlerweile die Wünsche des EHC in den Vertrag
eingearbeitet haben, soweit es ging, besteht der Verein weiterhin auf diesem Ausschankrecht."
Inzwischen fühlen sich etliche Stadtvordere schon an den "Undank ist der Welten Lohn" erinnert. Gar von "politischer Erpressung" und von "unfairem Zeitspiel" ist hinter vorgehaltener Hand die Rede. Der Oberbürgermeister fragt sich, "warum die Füchse-Chefs so leichtfertig mit dem Verhältnis zur Stadt umgehen und uns in eine derart undankbare Zwickmühle bringen". Er mahnt, dass "die Sorge immer größer wird, dass das, was die Stadt durch großzügige Verträge mit aufgebaut hat, dadurch in Misskredit gebracht wird". Auch Finanzbürgermeister Krause kann angesichts der "gleichbleibend hohen Zuschüsse in den letzten Jahren trotz der angespannten Haushaltslage" die Forderung der Füchse-Geschäftsführung "nach einem größeren Engagement der Stadt nicht nachvollziehen". "Die Wirtschaft, die GmbH und die Stadt müssen an einem Strang ziehen, aber gezogen haben bislang vor allem wir", sagt Krause.

Füchse-Manager auf der Palme

Eishockey-Manager Klaus Dietze, gerade von einem Herzinfarkt genesen und seither gemeinsam mit Neu-Geschäftsführer Renè Reinert auf der Füchse-Kommandobrücke verantwortlich, bringt das auf die Palme. 365 Tage im Jahr hatte er Klinken geputzt, versucht, seine Sportart und seinen Verein zu verkaufen.
Eishockey sei das Aushängeschild und der bedeutendste Wirtschaftsfaktor der Stadt, sagt Dietze und seine Stimme schwillt derart gewaltig an, dass um seine Gesundheit zu fürchten ist. "Es gibt in der Verwaltung Leute, die das nicht begriffen haben", erregt er sich. "In den letzten vier Jahren, seit ich hier bin, hat die Stadt doch für den Profi-Eishockeysport überhaupt kein Darlehen mehr geben müssen", wettert er und schimpft: "Wenn ich diesen Vertrag unterzeichne, bin ich in zwei Jahren beim Insolvenzverwalter."
Dem waschechten Leipziger Dietze geht es ums Prinzip. Die meisten anderen Vereine zahlen gar keine oder weniger Hallenmiete als die Füchse. "Es geht aber gar nicht um die 40 000 Euro", erklärt er. "Ich würde eventuell sogar mehr zahlen." Er könne aber nicht akzeptieren, dass die Füchse als einziger Verein der Liga nicht das Ausschankrecht hätten. "Der Vertrag, der uns vorliegt, ist einfach nicht korrekt, denn wir sollen trotzdem für die Reinigung der Halle von Bierbechern zahlen."
Einen Teil der Mietforderung der Stadt, "die völlig berechtigt ist", will die Spielbetriebs-GmbH in den nächsten Tagen dennoch überweisen – als Zeichen des guten Willens. Wohlgemerkt aber nur einen Teil. "Damit wir über das Ausschankrecht weiter im Gespräch bleiben", sagt Manager Dietze. Und da offenbart sich: Dietze ist eben auch am Verhandlungstisch ein echter "Fuchs".