Von Mathias Puddig

Leicht wird es den Spitzenpolitikern auf dem Eberswalder Marktplatz nicht gemacht. „Ich weiß Bescheid“, unterbricht eine ältere Dame im dunkelbraunen Anorak die Justizministerin Katarina Barley, als die gerade ansetzt, ihr zu erklären, warum seit einigen Jahren ihre Rente besteuert wird. Mit ihrem Finger sticht die Eberswalderin Löcher in die Luft: ein Mal, zwei Mal, drei Mal. Dann hört sie auf, denn es fängt an zu regnen. Anstatt einfach weiterzureden, holt sie ihren Schirm raus und bietet Barley an, mit drunterzukommen. So groß ist die Entfremdung zwischen Volk und Wähler dann doch nicht, dass die Leute ihre Politiker einfach im Regen stehen lassen. Reicht das, um weiter als Volkspartei zu bestehen?

Ein paar Tage zuvor hatte Carsten Schneider, der Parlamentarische Geschäftsführer der Bundestagsfraktion, angekündigt, dass die Abgeordneten aufs Land fahren. „Gekommen, um zu hören“ haben die Abgeordneten ihren Ausflug genannt. Der klassische Infostand wurde dafür eingemottet, stattdessen wollen die Genossen mit Bus und Biertischen bis September alle Bundesländer bereisen, in denen es für die SPD nicht so läuft. Also alle ostdeutschen Länder, außerdem Bayern und Baden-Württemberg.

Dahinter steckt die Furcht vor dem Absturz in die Bedeutungslosigkeit. Das 20,5-Prozent-Ergebnis bei der Bundestagswahl hat die Sozialdemokraten aufgeschreckt. In Eberswalde war die Niederlage sogar noch ein wenig größer. Zwar landete die SPD in der Hochschulstadt eine Stunde nördlich von Berlin schon bei der Wahl 2013 hinter CDU und Linkspartei auf dem dritten Platz, doch sie erreichte immerhin noch fast 23 Prozent. Als vier Jahre später ein neuer Bundestag gewählt wurde, stürzte die SPD aber auf unter 18 Prozent ab - und landete hinter der AfD.  Dabei floriert Eberswalde eigentlich. Es gibt Gegenden in Brandenburg und in Ostdeutschland, in denen es noch deutlich schlimmer aussieht.

Wie es mit der SPD weitergeht, könnte sich schon bei den anstehenden Wahlen entscheiden. In Brandenburg wird demnächst nicht nur über Europa abgestimmt, auch Kommunal- und Landtagswahlen gibt es in diesem Jahr. Es geht um den Status als Volkspartei, das ist den Genossen bewusst. Andrea Nahles zum Beispiel saß am Abend zuvor mit CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer bei einer Podiumsdiskussion in Berlin. „Sind die Volksparteien noch zu retten?“, war die Veranstaltung überschrieben. „Eine Volkspartei wird nicht von einem oder einer gerettet“, erklärte die CDU-Chefin. „Das sind Gesamtkunstwerke“, dichtete sie.

Nahles trat da schon praktischer auf. Auf die Probleme der SPD habe sie reagiert, indem sie die Partei zunächst programmatisch neu aufstellte. „Die Hartz-IV-Debatte mussten wir hinter uns lassen“, sagte sie. „Das hab ich jetzt geschafft.“ Als Nächstes soll die Partei auch nach außen punkten. „Wir müssen mit den Leuten wieder direkter ins Gespräch kommen“, glaubt sie. „Deshalb fahren wir in die mittelgroßen Städte, dahin, wo die Leute seit 20 Jahren keinen Spitzenpolitiker mehr gesehen haben.“

Eine repräsentative Umfrage der Bertelsmann-Stiftung, die ebenfalls am Mittwoch vorgestellt wurde, lässt allerdings zweifeln, ob die SPD überhaupt wieder zu alter Stärke zurückkehren kann. Mehr als die Hälfte der Befragten sagte, dass die Zeit der großen Volksparteien vorbei ist. Selbst 40 Prozent der SPD-Anhänger stimmten dieser Aussage zu. 37 Prozent der Befragten gaben zudem an, eher Parteien zu wählen, die sich auf Schwerpunkte konzentrieren – auch wenn sie dann thematisch nicht so breit aufgestellt sind.

Als Gegenmittel luden Katarina Barley und Carsten Schneider, außerdem Finanzminister Olaf Scholz und der lokale Bundestagsabgeordnete Stefan Zierke, bei Spritzkuchen und Bio-Limonade zum Gespräch. „Uns geht es darum, uns zu stellen und Präsenz zu zeigen“, hatte Schneider in Berlin gesagt. „Das wird eine sehr muntere Sache.“

Das wurde es tatsächlich. Vor allem die Rente und soziale Themen brannten den Leuten auf der Seele, auch über die Situation der Kindertagesstätten wurde geredet, und – überraschenderweise – über Großprojekte. Als Scholz einen Scherz über den Pannen-Flughafen BER machte, konterte eine ältere Eberswalderin mit der Elbphilharmonie in Hamburg, wo Scholz vor seiner Berufung zum Finanzminister Bürgermeister war. „Als ich ans Ruder kam, ging’s da ja erstmal voran“, beharrte der Hanseat wiederum und kicherte über seinen Punktsieg.

Doch reichen sympathisches Auftreten und Schlagfertigkeit, um zu alter Stärke zurückzukehren? Der Abgeordnete Zierke glaubt zumindest, dass es Zeit ist, das Gespräch mit den Wählern wieder aufzunehmen. „Man hat sich viel zu lange ins politisch gemachte Bett gelegt und war froh, dass es immer wieder gerade so noch gereicht hat“, sagt er. Veranstaltungen wie die Bustour seien wichtig, um den Faden aufzunehmen.