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Bei der Rückkehr vom Einkaufen in Moskau erschossen

Anna Politkowskaja hatte viele Feinde. Die mutige Reporterin berichtete seit Jahren über die Verbrechen russischer Soldaten und Polizisten an Zivilisten in Tschetschenien. Von Friedemann Kohler

Genauso recherchierte sie die Entführungen und Morde, die tschetschenische Rebellen, Politiker und Geschäftsleute auf dem Kerbholz haben.
Politkowskaja griff auch Präsident Wladimir Putin an, den sie für die Zerstörung Tschetscheniens wie das Zurückdrängen der Demokratie in Russland verantwortlich machte. "Putin, der zufällig eine enorme Macht in die Hände bekam, gebraucht diese Macht mit für Russland katastrophalen Folgen", schrieb sie in einem Buch über den Kremlchef. In ihrer Heimat konnte das Buch "In Putins Russland" nicht erscheinen.

Gefängnis und Vergiftung
An Drohungen gegen die unerschrockene russische Journalistin und zweifache Mutter fehlte es nicht. Die Armee hielt sie zeitweise in Tschetschenien fest. Sie lebte unter Polizeischutz oder im Ausland. 2004 hinderte sie eine rätselhafte Vergiftung an der Berichterstattung über das Geiseldrama in Beslan. Von ihrer Mission ließ sie trotzdem nicht ab. "Ich bin eine absolute Journalistin", sagte Politkowskaja in einem ihrer letzten Interviews. Am Samstag wurde die schutzlose Frau mitten in Moskau bei der Rückkehr vom Einkaufen erschossen.
Für Putin bedeutete der Mord, der genau an seinem 54. Geburtstag geschah, einen politischen Tiefschlag - zumal wenige Tage vor einem wichtigen Besuch in Deutschland. Es war der zweite spektakuläre Mord in Moskau binnen vier Wochen. Am 13. September hatten Unbekannte den Leiter der russischen Bankenaufsicht und stellvertretenden Nationalbank-Vorsitzenden Andrej Koslow erschossen.
Das Gespenst der chaotischen neunziger Jahre unter Boris Jelzin, als solche Morde ständiges Mittel der Auseinandersetzung waren, lebt wieder auf.

Mangel an Zivilisiertheit
"Damit der Mord nicht mehr als letztes Mittel in Konflikten dient, braucht es zivilisiertere Mechanismen", forderte das Wirtschaftsblatt "Wedomosti" nach dem Mord an Koslow. Den Mangel an Zivilisiertheit belegt auch der Tod Politkowskajas - es gibt in Russland immer noch Kräfte, die denken, dass die Ausschaltung einer kritischen Journalistin etwas verändert.
Der tödliche Anschlag auf Politkowskaja hat die Staatsmacht getroffen, das zeigte sich im posthumen Lob ihrer Gegner in Moskauer Machtzirkeln. "Wir waren unterschiedlicher Meinung, was den Nordkaukasus angeht, aber wir haben immer die Furchtlosigkeit und innere Freiheit von Anna Politkowskaja bewundert", erklärte der nationalistische Abgeordnete Dmitri Rogosin.
Im Chor der Trauerredner fehlte bisher nur eine Stimme, die des tschetschenischen Ministerpräsidenten Kadyrow. Der vom Kreml gestützte Statthalter soll öffentlich Todesdrohungen gegen Politkowskaja ausgestoßen haben.