"Das Pech haben die Menschen als Dicht- und Klebemasse verwendet", weiß die zwölfjährige Julia Lehnigk, die die sechste Klasse der Bruno-Bürgel-Oberschule in Weißwasser besucht. Zusammen mit ihren Klassenkameraden Florian Hänchen und Florian Marschall ist sie mit ihrer Geschichtslehrerin Cornelia Staruß zur Ausgrabungsstätte gekommen. "Wir haben uns an einem Landeswettbewerb beteiligt", erzählt die Lehrerin, "und können nun im Rahmen des Pegasus-Projektes ‚Unterricht am Denkmal' mitmachen." Die sechste Klasse der Schule hat zudem die Pflege eines entdeckten Pechofens zwischen dem Findlingspark Nochten und der Glasmacherstadt aus dem 17. und 18. Jahrhundert übernommen.

Insgesamt entdeckten Archäologen im Tagebauvorfeld seit 2008 vier Öfen. Während die Schüler eine weitaus kleinere Fundfläche gemeinsam mit den Experten betreuen, hat Ausgrabungsleiter Peter Schöneburg an einer anderen Stelle im Tagebau nicht nur einen Pechofen gefunden, sondern eine ganze Produktionsstätte. "Das ist wirklich sensationell", ist sich der Fachmann sicher, "denn wir können nun erstmals fast die gesamte Pechgewinnung archäologisch belegen und nachvollziehen."

Schon 2010, als der Fundort noch von Wald umgeben gewesen war, haben die Archäologen die Pechsiederei an dieser Stelle vermutet. "Aus einer Karte der Standesherrschaft Bad Muskau von 1862 wurde das Flurstück als ‚Pechdickicht' bezeichnet", verrät Schöneburg. Historische Namen geben zumeist erste Hinweise auf frühere Gewerke, so auch dieses Mal.

Während der Ausgrabungen sorgt ein unscheinbares Stück Kiefernholz, das unter dem Abflussrohr des Pechofens gefunden wurde, für weitere Begeisterung: "Weil wir in den letzten Jahrzehnten Baumbestände aus den vergangenen 12 000 Jahren entdeckt haben", erklärt Dr. Wolfgang Ender vom Landesamt für Archäologie, "konnten wir mit deren Hilfe das Kiefernholz exakt datieren." Es stammt aus dem Jahr 1324, vermutlich sind der Ofen und die Siederei aber noch älter.

Hier lasse sich erkennen, wie die Menschen früher aus dem Kiefernholz oder dessen Wurzeln das Pech hergestellt haben: "Im doppelwandigen Ofen wurde das Holz innen gestapelt und in der äußeren Kammer erhitzt", erläutert Schöneburg. Dabei destillierte das im Holz enthaltene Harz zu Teer und wurde über ein Rohr nach außen abgeleitet. Dieser Prozess konnte mehrere Tage andauern. Durch das anschließende Einkochen in Keramikgefäßen ist das zähflüssige, schwarz-braune Pech entstanden. "Wie im Einzelnen die Vorgänge genau gewesen sind, wissen wir nicht", so der Archäologe. Das müssten weitere Untersuchungen nun genau klären, beispielsweise wie der Teer eingekocht wurde.

Indes ist es für die Forscher noch interessanter zu erfahren, wie die Menschen neben der Produktionsstätte gewohnt und gearbeitet haben. Pechsiedereien wurden wegen der Brandgefahr außerhalb von Dörfern in den Wäldern errichtet. Aufgrund der Bauweise von Häusern lassen sich für die Experten Rückschlüsse auf die ethnische Zugehörigkeit ihrer Erbauer und damit auf Siedlungsgebiete von Slawen und anderen Stämmen schließen. "Hiermit könnten wir Belege für die Siedlungsgeschichte im Hochmittelalter gewinnen", bestätigt Peter Schöneburg. Er hofft nun darauf, Reste von Gebäuden und Lagerstätten am Rande der Produktionsstätte zu finden und diese untersuchen zu können. "Allerdings müssen wir Schwerpunkte für unsere Forschungen setzen", erklärt er, "denn die Kohlebagger graben sich immer weiter in unsere Richtung." So stünden die detaillierte Erforschung der Pechherstellung und die Erkundung möglicher Gebäudeüberreste im Mittelpunkt des engen Zeitfensters.

Die Sechstklässler der Bürgelschule unterdessen freuen sich schon darauf, wenn sie im nächsten Jahr bei der Ausgrabung eines weiteren Pechofens mithelfen dürfen.

Zum Thema:
Die Pechherstellung reicht bis in die mittlere Steinzeit zurück. Die zähe Masse wurde als Schmier- oder schwarzer Farbstoff, zum Abdichten, als Brennstoff zur Beleuchtung und als Desinfektionsmittel verwendet. Zudem diente sie als Klebefalle beim Vogelfang. Daher stammt das Wort "Pechvogel". Der mittelalterliche Glaube, der Teufel schüre sein Höllenfeuer mit Pech und Schwefel, besetzte das Wort "Pech" negativ.