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| 14:54 Uhr

„Hallo, rate mal, wer dran ist?“
Bei Anruf Abzocke

Die Polizei in Nordrhein-Westfalen wirbt mit mit Plakaten für mehr Aufmerksamkeit am Telefon. „Achtung: Hier spricht nicht die Polizei“ lautet eine der Aktionen. Falsche Polizisten und andere Betrüger verursachen in Deutschland Milliardenschäden.
Die Polizei in Nordrhein-Westfalen wirbt mit mit Plakaten für mehr Aufmerksamkeit am Telefon. „Achtung: Hier spricht nicht die Polizei“ lautet eine der Aktionen. Falsche Polizisten und andere Betrüger verursachen in Deutschland Milliardenschäden. FOTO: dpa / Martin Gerten
Cottbus. Betrüger versuchen am Telefon gezielt alte Menschen um ihre Ersparnisse zu bringen. Warum gelingt das trotz aller Aufklärungskampagnen immer noch? Von Bodo Baumert

Mit dem Blick ins Telefonbuch fängt es an. Gezielt werden die Einträge auf Vornamen durchsucht. Steht dort Ingeborg, Werner oder Kunigunde, könnte sich der Anruf lohnen. „Hallo, rate mal, wer dran ist?“ Mit einer solchen Frage fängt es häufig an. Am einen Ende der Leitung ist ein Telefonbetrüger, einer, der sein Opfer aushorchen und ausnehmen will. Oft sitzt er im Ausland, in Polen oder einem türkischen Call Center.

Am anderen Ende der Leitung ist oft ein älterer Mensch, vorzugsweise in Deutschland. Heutzutage nicht mehr gebräuchliche Vornamen geben den Tätern einen Hinweis auf das Alter des Angerufenen. Geht der nicht gleich auf Distanz und legt auf, beginnt der Anrufer sein Netz auszuwerfen.

Gezielt versucht er, seinen Gesprächspartner in ebendieses zu verwickeln. Je nachdem wie die Reaktion auf seine Ausgangsfrage ausfällt, gibt es sich als Enkel, als alter Bekannter, als Polizist, als Staatsanwalt oder als Vertreter einer Glücksspielfirma aus.

„Die Geschichten sind immer wieder neu, der Ablauf und die Absicht dahinter aber immer die gleiche“, sagt Wolfgang Noatschk, Leiter des zuständigen Sachbereichs bei der Kriminalpolizei in Spremberg. Er und seine Kollegen haben es immer wieder mit solchen Fällen zu tun. Eine statistische Erfassung fällt schwer, da nur ein Teil der Angerufenen zur Polizei geht. Und wenn, sind es meist jene, die nicht auf die Anrufer hereinfallen. Die anderen schweigen – aus Scham, weil sie auf Betrüger hereingefallen sind. Oder, weil sie es gar nicht merken.

Denn die Betrüger wissen, was sie tun. Sie versuchen ihren Gegenüber einzuwickeln, sammeln mit jeder Minute im Gespräch mehr Informationen und setzen diese dann für ihre Lügengeschichten ein. Antwortet der oder die Angerufene etwa „Bist, Du es, Erwin?“ ist der Anrufer ab sofort Erwin. „Erwin“ kann zwar nichts Konkretes aus der gemeinsamen Vergangenheit erzählen, sammelt aber durch geschickte Fragen Details, die er weiter einsetzen kann. Irgendwann kommt das Gespräch dann auf einen geplanten Autokauf, eine finanzielle Misere oder ein Geschäft, bei dem „Erwin“ kurzfristig finanzielle Hilfe braucht. Um der „alten Zeiten“ willen oder weil man doch verwandt ist, bittet er um Geld. Mal sind es Tausend Euro, mal deutlich mehr.

Die Polizei in Nordrhein-Westfalen berichtet von einem Fall, in dem ein Opfer über eine halbe Million Euro verloren hat. Wiederbekommen hat sie das Geld nicht.

Das geht den meisten Betroffenen in der Lausitz auch so – wenn auch meist mit kleineren Summen. Denn zur Übergabe des Geldes erscheint nicht der Enkel oder Bekannte mit dem das Opfer glaubt, telefoniert zu haben. Ein „Bekannter“ wird vorgeschickt, oft ein Herr Schmidt, da man selbst leider verhindert ist. Der Bekannte nimmt das Geld mit. Die versprochene Rück-Zahlung finden dann allerdings nicht statt.

Wer fällt auf so was rein? Erstaunlich viele Menschen. „Das geht durch alle Gesellschaftssichten durch“, weiß Wolfgang Noatschk. Nicht nur einsame Rentner sind es, die den Betrügern auf den Leim gehen.

Für die Abzocker ist das Geschäft lukrativ. Erst Ende Januar wurde in Hamburg ein Täter verurteilt, der als Kopf einer solchen Bande gilt. Der 30-Jährige hatte sich mit den Telefonanrufen ein Luxusleben in Polen finanziert – mit „Ferrari und Designerkleidung“, wie der Richter in der Urteilsverkündigung bemerkte.

Trotz mancher Zweifel kam es in vielen Fällen zur Geldübergabe in bar, professionell organisiert von einem „Logistiker“. Der „Abholer“ spielte dann den „leider verhinderten“ Verwandten und nahm seinem Opfer in einem Fall sogar 100 000 Euro ab.

Nur einer von 100 Anrufen wird zum Erfolg führen. Doch das reicht, um die Enkeltrick-Masche zum lohnen Geschäft zu machen – zumal, wenn man die Opfer noch weiter schröpfen kann. Mitunter führen die Täter ganze Rollenspiele auf. Dabei sind sie teilweise so perfide, sich selbst als Polizisten oder Staatsanwälte auszugeben, die den ersten Fall verfolgen. Zur Untersuchung des Falles soll das Opfer weiteres Geld abheben, damit dieses verglichen werden kann. Oder dem Opfer wird gedroht, es habe sich durch die Geldübergabe strafbar gemacht. Um ein Verfahren abzuwenden, solle es eine Gebühr auf ein Konto – oft im Ausland – überweisen.

Hat sich ein Opfer als leichtgläubig herausgestellt, kann auch ein Anruf eines vermeintlichen Gewinnspiels folgen. „Glückwunsch, Sie haben gewonnen!“. Bevor der Gewinn überwiesen werden kann, müsse aber eine Gebühr entrichtet werden. Erst kürzlich wurde ein solcher Fall durch die Polizei in Cottbus bekannt. Die geforderte Gebühr der dreisten Betrüger: 28 000 Euro.