Zwischenfälle? Eigentlich waren es Überfälle. Beteiligt waren Violinen, Flöten, Kontrabässe, Hörner, Trompeten, Posaunen und was sonst noch so zu einem Orchester gehört. Die Tatorte wechselten. In Deckung gehen hatte keinen Sinn, die Noten flogen einfach überall herum. In der Cottbuser Heron Buchhandlung blieb John Williams' Filmmusik zu "Star Wars" nicht nur in der Science-Fiction-Ecke, sondern begegnete auch Biene Maja, dem einen oder anderen Kochbuch oder dem gerade verfemten Günter Grass. Anschließend fielen Musiker und Töne im Rathaus ein, dessen Innenhof, wie sich herausstellte, eine wunderbare Akustik hat. Weil es so schön war, forderte Oberbürgermeister Frank Szymanski (SPD) gleich eine Zugabe ein und regte Rathauskonzerte an. Solche Überfälle lasse er sich gefallen. Warum die Musiker ausgerechnet hier den "Nimbus 2000" - den Superbesen von Zauberlehrling Harry Potter - steigen ließen? Es hat geholfen. Der OB hat sich erneut zur Unterstützung des Staatstheaters bekannt.

Ein zauberhafter und vielversprechender Auftakt also für die Jubiläumsspielzeit, die am 1. Oktober mit einem Treffen ehemaliger und heutiger Orchestermitglieder beginnt. Das Datum allerdings ist nicht ganz historisch verbürgt. "Wir haben trotz intensiver Recherche keinen Gründungstag gefunden", sagt Martin Schüler. Überliefert sei nur, dass am 6. Oktober 1912 die erste Aufführung des theatereigenen Orchesters stattfand - mit Beethovens Oper "Fidelio". Zum 100. Jubiläum gibt es nun alle neun Sinfonien des großen Meisters, den Evan Christ als das Nonplusultra für Orchestermusiker bezeichnet. Immerhin galten Beethovens Sinfonien bis ins 20. Jahrhundert hinein als Maßstab für die Gattung.

Am 6. Oktober erklingen die 1. bis 5. Sinfonie, am 7. Oktober die 6. bis 9. Auch hier gilt: kein Philharmonisches Konzert ohne Uraufführung. Salvatore Sciarrino, mit dessen musikdramatischem Werk "Macbeth" Christ bei den Salzburger Festspielen brillierte, komponiert das Auftragswerk für dieses 1. Philharmonische Konzert. In der ersten Konzertpause ist von dem Dirigenten und Musikwissenschaftler Prof. Peter Gülke manches über Beethoven und seine Sinfonien zu erfahren. In der zweiten Pause besteht die Möglichkeit, in einem der Restaurants am Schillerplatz zu essen.

Das eigentliche Festkonzert findet am Abend des 1. Oktober statt. Mit einem hundertjährigen Werk: Igor Strawinskis "Sacre du Printemps". Außerdem erklingt sein "Greeting Prelude". Und - natürlich eine Uraufführung, diesmal von dem Österreicher Bernhard Lang.

Am 3. und 5. Oktober, das betont Evan Christ, ist das Orchester mit den beiden Theaterbereichen zu erleben, mit denen es künstlerisch am meisten verbunden ist: Opernensemble und Ballett.

Zuerst wird es lyrisch mit Antonin Dvoraks Oper "Rusalka", die zwar als tschechische Nationaloper gilt, mit all ihren Wasser- und Waldwesen aber auch im Spreewald spielen könnte. Und dann romantisch, herzzerreißend traurig auch, mit "Romeo und Julia" von Sergej Prokofjew. "Großes Ballett mit Orchester im Großen Haus, das hatten wir noch gar nicht", so Evan Christ.



Ein riesiges Festwochenprogramm also für die 74 Musiker, sodass man sich besorgt fragt, wann die ihr Jubiläum eigentlich feiern. Für das Publikum jedenfalls ist die Festtafel opulent.



Zum Jubiläum erscheint ein Schuber mit drei CDs, unter anderen mit historischen Aufnahmen, die etwa an Zeiten der GMD Hans Wallat, Frank Morgenstern oder Reinhard Petersen erinnern, die die Qualität des Orchesters mitbestimmten. Die erste der drei CDs ist fertig: "John Williams Greatest Hits", die ja den Soundtrack der musikalischen Überfälle bildeten. Heimgesucht wurden auch noch der ProMarkt im Blechen Carré und Marktkauf. Erstaunlich, wie die Musiker das hinbekommen haben - mit den sperrigen Instrumenten auf dem Besen . . .

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