Ausgangspunkt für diese Geschichte sind drei scheinbar sehr ähnliche Anzeigen, die Polizei und Staatsanwaltschaft in Lübben (Dahme-Spreewald) und Schwarzheide (Oberspreewald-Lausitz) seit Anfang des Jahres beschäftigen. Alle drei haben markante Gemeinsamkeiten. Es geht jedes Mal um Frauen, die von Ausländern bedrängt und angegriffen worden sein sollen. Bei der Aufklärung der Taten aber gibt es noch immer mehr Fragen als Antworten.

Den ersten Fall bestätigte die Polizei am 13. Januar der RUNDSCHAU. Zu diesem Zeitpunkt versuchten die Ermittler bereits seit fast zwei Wochen Geschehnisse aufzuklären, die sich in der Silvesternacht in Schwarzheide ereignet haben sollen. Eine Frau aus der südbrandenburgischen Stadt hatte dort am Neujahrsmorgen angezeigt, kurz vorher von "fremdländisch aussehenden Personen sexuell genötigt" worden zu sein. Die Rede ist von "unsittlichen Berührungen an der Brust und einer entwendeten Jacke".

Knapp eine Woche später, am Dienstag dem 19. Januar, war der zweite Fall im sozialen Netzwerk Facebook aufgetaucht. Dabei behauptete eine Lübbenerin, ihre 18-jährige hochschwangere Freundin sei am Vormittag dieses Tages in der Nähe des Lübbener Bahnhofes, an der Bergstraße, von "ausländisch aussehenden Männern bedrängt, gestoßen und unsittlich berührt und dabei verletzt" worden.

Während die Diskussionen im Internet über kriminelle Ausländer bereits heißliefen, war die Polizei tagelang ahnungslos. Für die Ermittler gab es den Fall nämlich zunächst nicht. Niemand hatte die Tat in Lübben angezeigt.

Erst zwei Tage später, am 21. Januar, kam die hochschwangere Frau in die Lübbener Polizeiwache, um Anzeige zu erstatten. Ihre Facebook-Freundin berichtete im Netz, die Angegriffene sei nach dem Vorfall schockiert gewesen, habe sich zuerst um sich und ihr Baby kümmern müssen. Das klingt plausibel, stellt die Ermittler aber gleichzeitig vor beinahe unlösbare Herausforderungen. Bis heute konnten sie, "trotz intensiver Suche", keinen einzigen Zeugen für die Tat am Lübbener Bahnhof ausfindig machen. Dabei soll doch ein "älterer Mann" der bedrängten Frau zu Hilfe gekommen sein, heißt es in der Anzeige. Von möglichen Tätern fehlt bis heute trotzdem jede Spur.

Als bei den Lübbener Kriminalisten der Frustpegel stieg, weil ihnen die Ermittlungsansätze fehlten und die Debatten im Internet weiter liefen, meldete sich eine weitere Frau aus der Spreewaldstadt in der Wache. Auch sie erwartet ein Kind.

Die 26-Jährige gab an, ebenfalls in der Bahnhofsgegend, in der Nähe des ersten Tatortes, von "unbekannten, ausländischen Männern umringt und angefasst worden zu sein". Obwohl auch in diesem Fall ein vorbeifahrendes, silberfarbenes Auto die Täter durch Hupen abgelenkt haben soll, hat die Polizei auch in diesem Fall bisher keinen Tatzeugen ausfindig machen können. Über Details zum Stand der Ermittlungen schweigen die Ermittler. Zum einen haben die Kriminalisten offensichtlich selbst noch viele unbeantwortete Fragen. Zum anderen wollen sie die wenigen Anhaltspunkte, die sie zu den einzelnen Fällen fanden, keinesfalls preisgeben, um ihre Arbeit nicht zu gefährden.

In Lübben arbeitet inzwischen eine spezielle Ermittlungsgruppe. Geleitet wird sie vom Chef der Kriminalpolizei, Jörg Karras. Sichtbar ist in der Öffentlichkeit, dass die Polizeipräsenz im Umfeld des Bahnhofes der Spreewaldstadt deutlich angestiegen ist. Dort sollen sich die Angriffe auf die beiden schwangeren Frauen ereignet haben. Unterstützt wird die Landespolizei inzwischen auch von Beamten der Bundespolizei, deren VW-Busse in den zurückliegenden Tagen am Bahnhof häufiger als davor aufgetaucht sind.

"Wir arbeiten intensiv zusammen", bestätigt Polizeisprecherin Ines Filohn. Und sie sagt auch, dass die Ermittler in Lübben inzwischen mit zivilen Streifen im Einsatz sind. "Wir nehmen die Fälle wirklich sehr ernst und bemühen uns deshalb massiv um die Aufklärung", sagt Filohn.

Was auch sie sich, trotz vehementer Nachfrage, nicht entlocken lässt, sind Details zum Stand der Ermittlungen. Derweil legen RUNDSCHAU-Recherchen inzwischen nahe, dass die drei in Schwarzheide und in Lübben angezeigten Fälle nicht so identisch sind, wie es scheint.

So verdichten sich die Hinweise, dass mindestens eine der betroffenen Frauen bei ihrer Anzeige der Polizei nicht die ganze Wahrheit erzählt haben könnte. Darauf deuten auch intensive Nachermittlungen hin, die die Cottbuser Staatsanwaltschaft inzwischen veranlasst hat.

Gleichzeitig suchen die Ermittler aber offenbar seit einigen Tagen nach einem Mann, den eine der jungen Frauen in Lübben auf einem Foto als möglichen Täter erkannt hatte.

Die Aufklärung gestaltet sich allem Anschein nach deshalb bisher besonders zäh, weil die Ermittler nicht nur nach möglichen Tätern fahnden müssen, sondern gleichzeitig versuchen, immer noch Widersprüche in einigen Aussagen aufzulösen.

Alle Fäden in der Hand hält bei den drei Lausitzer Fällen Oberstaatsanwältin Petra Hertwig. Auf dem Tisch der Dezernatsleiterin bei der Cottbuser Staatsanwaltschaft landen derzeit alle Verdachtsfälle, die den Taten in Lübben und Schwarzheide ähneln.

Für die Chef-Ermittlerin zählen, aller öffentlichen Aufgeregtheit zum Trotz, nur die Fakten. Bisher reichen Petra Hertwig diese in allen drei Fällen nicht, "um auch nur einen einzigen davon seriös bewerten zu können".

"Dass es bei derartigen Straftaten meist keine Zeugen gibt, liegt in der Natur der Sache und ist normal", wehrt die Staatsanwältin vorschnelle Spekulationen über erfundene Taten ab. Und Hertwig sagt auch: "Das sind für die Opfer Ausnahmesituationen, bei denen es im Nachhinein durchaus Widersprüche bei der Beschreibung geben kann."

Die Anzeigen aus Schwarzheide und Lübben sind inzwischen nicht die einzigen, mit denen sich die Lausitzer Polizei zumindest zeitweilig beschäftigen muss. Erst vor einigen Tagen behauptete eine Frau, im Cottbuser Einkaufszentrum Blechen-Carré von Ausländern bedrängt worden zu sein. Ein Wachschützer habe ihr geholfen, sagte die Frau danach. Allerdings konnte keiner der zu diesem Zeitpunkt eingesetzten Wachschützer in der Shopping-Passage der Polizei den Vorfall bestätigen.