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Bauverbände: Der Engpass ist hausgemacht

Reinhold Dellmann, Hauptgeschäftsführer der Fachgemeinschaft Bau Berlin und Brandenburg
Reinhold Dellmann, Hauptgeschäftsführer der Fachgemeinschaft Bau Berlin und Brandenburg FOTO: P. Himsel
Berlin/Potsdam/Leipzig. Bei den Branchenverbänden von Bauindustrie und Bauhandwerk findet man sehr deutliche Worte für die missliche Lage. Sie sagen, der Engpass ist hausgemacht. Beate Möschl

"Wir können bestätigen, dass in bestimmten Bereichen, zum Beispiel bei Straßenbauarbeiten in Brandenburg oder Renovierungsarbeiten an Schulen, klassischerweise die Ferienzeit als Hauptarbeitszeit angesehen wird. Und genau dagegen wehren wir uns: Allein das Land Berlin schiebt einen milliardenschweren Sanierungsstau im Bereich der Schulsanierung vor sich her. Da reicht es nicht, dringend notwendige Arbeiten erst kurz vor knapp vor den Sommerferien auszuschreiben. Hinzu kommt, dass die Bauwirtschaft in den Sommerferien Hochkonjunktur hat - und es bei allzu kurzfristig ausgeschriebenen Maßnahmen dann zu Engpässen bei der Betriebssuche kommen kann", teilt Reinhold Dellmann, Hauptgeschäftsführer der Fachgemeinschaft Bau Berlin und Brandenburg auf RUNDSCHAU-Nachfrage mit.

Die Fachgemeinschaft Bau vertritt die Interessen der mittelständischen Bauwirtschaft in der Region. Mit ihren rund 900 Mitgliedern ist sie der größte Bauarbeitgeber- und Bauwirtschaftsverband in Berlin und Brandenburg. Sie fordert die öffentlichen Verwaltungen auf, anstehende Projekte langfristig und überjährig zu planen und auszuschreiben. "Dadurch würden die ausführenden Unternehmen Planungssicherheit gewinnen, da sie ihre Fachkräfte, basierend auf langfristigen Planungen, nachhaltig aufstocken könnten und nicht Gefahr laufen würden, nach dem Abflauen des ,Sommerbooms‘ Arbeitnehmer wieder entlassen zu müssen", so Dellmann. Dazu müssten die Bauverwaltungen aber auch "zügig und massiv qualifiziertes Personal aufstocken".

Der Bauindustrieverband Berlin-Brandenburg sieht die Entwicklung als Ergebnis eines Anpassungsprozesses der Branche nach zwei Jahrzehnten, in denen deutlich mehr Kapazitäten als Baunachfrage am Markt waren.

Der Verband vertritt die Interessen von rund 150 Bauunternehmen der Region mit etwa 12 000 Beschäftigten. "Wir haben eher einen Rückgang im öffentlichen Bauvolumen und beim baugewerblichen Umsatz. Das heißt, an mangelnden Kapazitäten kann es nicht liegen und liegt es auch nicht", schätzt Axel Wunschel, Hauptgeschäftsführer des Bauindustrieverbandes Berlin-Brandenburg, ein. "Viele Auftraggeber haben sich daran gewöhnt, Bauherr zu sein, der den Bauknecht mit allen Risiken und Unwägbarkeiten alleine lässt, die ein Bauprojekt mit sich bringt", schildert er und fügt salomonisch an: "Es wird sicherlich notwendig sein, dass Auftraggeber, die heute wenig oder keine Angebote bekommen, sich auch fragen müssen, woran liegt das. Was habe ich in der Vergangenheit gemacht, dass man für mich nicht bauen will", sagt Axel Wunschel und macht klar: "Biete ich ausgewogene Vertragsbedingungen und mache meiner Anbieterseite deutlich, dass ich auch bereit und willens bin, vernünftig und auf Augenhöhe mit meinem Vertragspartner umzugehen, dann werde ich auch Angebote bekommen."

Der Bauindustrieverband Sachsen/Sachsen-Anhalt schlägt noch deutlichere Töne an: Das Sommerhoch am Bau und dadurch gut ausgelastete Kapazitäten seien nur eine Erklärung für das zunehmende Ausbleiben von Angeboten für Aufträge von Bund, Land und Kommunen. Eine zweite Ursache sei, dass viele Unternehmen nicht mehr gerne für die öffentliche Auftraggeber bauen. "Das ist eine bewusste Entscheidung gegen die öffentliche Hand, weil da einfach zu viele Fallstricke lauern", sagt Robert Momberg, Hauptgeschäftsführer des Verbandes. Er spricht von mangelnder Sorgfalt bei der Planung öffentlicher Bauvorhaben, was in der Folge eine reibungslose Bauausführung behindere. Die Fehler in der Planungs- und Ausschreibungsphase müssten letztlich die Baufirmen tragen. Der Branchenverband vertritt rund 150 Mitgliedsunternehmen mit rund 10 000 Beschäftigten.