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| 02:43 Uhr

Bautzen und seine Brandherde

FOTO: dpa
Bautzen. Vor einem Jahr brannte in Bautzen das Hotel "Husa renhof". Flüchtlinge konn ten dort nie einziehen. Seitdem kämpft die Stadt um ihren Ruf. Mit vielen Rückschlägen. Christine Keilholz / ckz1

Um die 500 Tage ist Alexander Ahrens (51/parteilos) im Amt. Einige dieser Tage hatten es in sich. Trotzdem will Bautzens Oberbürgermeister ein kleines Jubiläum feiern, und zwar mit einem Bürgerforum, das Anfang März steigen soll. Die Zukunft der Stadt soll besprochen werden unter dem Motto "Bautzen heute und morgen". Es dürfte auch um das Ereignis gehen, das vor einem Jahr die Stadt in die bundesweiten Nachrichten gebracht hat.

An einem Wochenende im Februar 2016 brannte nachts das Hotel "Husarenhof". In der Stadt war bekannt, dass dort bald Flüchtlinge einziehen sollten. Dass das Hotel angezündet wurde, steht außer Frage. Wer es war, ist auch nach einem Jahr nicht klar. Spürhunde der Polizei fanden Brandbeschleuniger im Gebäude. Umstritten ist aber bis heute, ob wirklich eine Rotte von Menschen dem Brand zusah und jubelte, während die Feuerwehr sich abmühte. Dass Bürger die Löscharbeiten störten, lief tags drauf über die Nachrichtenticker. Mit "unverhohlener Freude" hätte ein "Mob" in Bautzen getobt. Das Operative Abwehrzentrum (OAZ), die Extremismus-Sondertruppe der sächsischen Polizei, übernahm die Ermittlungen.

Einige der Gaffer seien angetrunken gewesen und hätten "abfällige Bemerkungen" gemacht, sagte ein Polizeisprecher. Die Rede war von zwei 20-jährigen Rowdys, die die Beamten schon gut kannten. Sie bekamen Platzverweise und wurden in Gewahrsam genommen. Im November verurteilte sie das Amtsgericht Bautzen zu mehrjährigen Jugendhaftstrafen. Das Urteil umfasste einen bunten Strauß an Straftaten, darunter Beleidigung, gefährliche Körperverletzung, Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, Sachbeschädigung und Diebstähle. Das Pöbeln vor dem brennenden Hotel spielte bei alledem nur eine Randrolle. Die beiden sagten vor Gericht, sie hätten in den frühen Morgenstunden des 21. Februar Wind von dem Brand bekommen, da waren sie auf einer Geburtstagsfeier und schon stark angetrunken.

Der "Husarenhof" war kein erfolgreiches Hotel. Mehrmals wechselten die Pächter. Der letzte von ihnen schätzte am Tag nach dem Brand den Schaden auf eine halbe Million Euro. Auf 50 Metern Breite war der Dachstuhl völlig ausgebrannt. Nutzbar wird das Gebäude wohl nie wieder.

Im Netz gibt es den "Husarenhof" noch. Die Website des Hotels bewirbt nach wie vor die 22 Doppelzimmer ab 33 Euro pro Nacht, als wäre nichts gewesen. Das Hotelrestaurant verspricht sächsisch-bayerische Spezialitäten, die Sportsbar bietet Bezahlfernsehen, das alles zehn Minuten zu Fuß vom Stadtzentrum. Ins Visier der Staatsanwaltschaft Görlitz ist inzwischen ein Dachdecker geraten. Er hatte nach dem Brand den Schaden aufgenommen und mit "Gute Arbeit, Kameraden!" kommentiert, was er auf einem Handyvideo dokumentierte. Die Nacht, in der 68 Feuerwehrleute Ziegel vom Hoteldach entfernten, um an die brennenden Dachbalken zu kommen, hatte nicht nur für die Stadt Bautzen bittere Folgen.

Regierungschef Stanislaw Tillich (CDU) sagte nach der Brandnacht mit erschütterter Miene in mehrere Kameras, dass hier das Engagement Tausender Sachsen von "einigen wenigen desavouiert" würde, die sich außerhalb der Rechtsordnung stellen. Der Innenausschuss des Landtags forderte in einer Sondersitzung "umfassende Aufklärung". Bautzen war nur der letzte Anlass dafür. Wenige Tage zuvor hatten in Clausnitz (Kreis Mittelsachsen) um die 100 Anwohner einen Flüchtlingsbus blockiert und die Insassen beschimpft. In Einsiedel, einem lauschigen Dörfchen südlich von Chemnitz, bauten Anwohner einer Flüchtlingsunterkunft über Wochen Barrikaden. Sachsen sah nicht gut aus in den frühen Wochen 2016. Und das war nur ein halbes Jahr nach den Pöbeleien von Heidenau - Hunderte Wütende gegen Flüchtlinge und die Bundeskanzlerin.

Bautzen, die Metropole der Oberlausitz, stand plötzlich als einer dieser Problemorte da. Als im März Bundespräsident Joachim Gauck im Sorbischen Nationaltheater zum groß angelegten Dialog lud, merkte ein Bautzener Sozialarbeiter auf dem Podium an, dass in der Stadt eben nicht viel gehe: "Wenn junge Leute studieren wollen, müssen sie weggehen aus der Stadt. Es gibt hier nichts."

Die Zahlen sagen etwas anderes. Von Jahr zu Jahr pendeln mehr Leute ein. Der im Dezember erschienene Landesentwicklungsbericht sieht darin ein "Indiz für die zunehmende Attraktivität dieser Stadt als Arbeitsplatzzentrum der Region". Bautzen im Osten Sachsens, 40 000 Einwohner, war früher die Stadt des Gelben Elends. Mittelalterliche Trutztürme über der Spree, ein Dom und schmucke Heime stolzer Barockbürger. Nun ziehen wieder Leute her, Wohnungen werden knapp. Für 2016 vermeldete die Verwaltung eine auf 2,2 Kinder pro Frau gestiegene Geburtenrate - das sei "deutschlandweit ein Spitzenwert", hieß es. Man denkt über mehr Kitas nach und über die Neuorganisation von Schulbezirken.

Bautzen sei insgesamt auf einem guten Weg, sagt Oberbürgermeister Ahrens immer wieder. So Mitte September 2016, als seine Stadt mal wieder in den Schlagzeilen war. In den warmen Sommernächten hatte es auf dem Kornmarkt Rangeleien gegeben zwischen Jugendlichen, darunter auch Flüchtlinge. Mehrere Nächte ging das so, bis organisierte Neonazis dazukamen und die Gewalt eskalierte.

Wieder musste Ahrens seine Stadt erklären, in Interviews und Talkshows. Er schlug sich wacker. Der Bürgermeister war lange Anwalt in Berlin, kann sich ausdrücken. Er kann sich vor seine Stadt stellen, ohne sich gegen andere zu stellen. Aber wieder wollten alle nur wissen, was schief laufe in Bautzen. Dass er nach den Kornmarkt-Ausschreitungen auch mit Rechtsextremen redete, um die Situation zu entspannen, nehmen ihm viele übel. Stadträte kritisierten den Rathauschef dafür öffentlich. Er wird das wieder erklären müssen, beim Dialog im Steinhaus.