Von Nina Jeglinski

Der Bahnhof Stuttgart 21 und der Berliner Flughafen BER sind keine Einzelfälle: Bundesweit gibt es unzählige Großbauprojekte, die immer später fertig werden.

Eine Studie der Hertie School of Governance Berlin zeigt, dass seit 1960 bei 119 fertiggestellten Großprojekten in Deutschland die Kosten um 73 Prozent überschritten wurden. Bei extrem teuren Vorhaben, mit Etats höher als 500 Millionen Euro, gab es im Schnitt sogar eine Kostenverdoppelung. In Hamburg haben sich die Kosten für die Elb-Philharmonie verzehnfacht, beim U-Bahnbau in Köln verdoppelt. Der Neubau des Stuttgarter Bahnhofes kostet – Stand heute – acht Milliarden Euro, geplant waren 2,5 Milliarden.

Grobe Verstöße meist folgenlos

Bauexperte Jürgen Lauber: „Das Schlimme ist, dass in Deutschland das Bauwesen rechtlich so geregelt ist, dass die politischen Bauherren ohne Kostenhemmung was sie wollen, wie sie wollen und solange sie wollen, bauen können.“ Und sie könnten sich darauf verlassen, dass selbst gröbste Verstöße meist folgenlos bleiben. Geplant werde nur vage. Die Baupläne würden billig gerechnet und der günstigste Anbieter erhalte den Zuschlag.

In diese Kerbe schlägt auch der Oxford-Professor Bent Flyvbjerg. Der Experte für Management und Großprojekte hat weltweit über 2000 Großbauprojekte untersucht. Ergebnis: Steigende Kosten und verspätete Fertigstellungen sind die Regel, nicht nur in Deutschland.

„Kognitive Verzerrungen“ als Ursache

In seinem vielbeachteten Buch „Megaprojects and Risk“ (Megaprojekte und Risiken) nennt er als einen Grund dafür „kognitive Verzerrungen“. Das bedeutet: Wenn man sich etwas ganz stark wünscht, wird der Nutzen zu hoch und werden die Kosten zu niedrig bewertet. Will sich ein Politiker mit einem großen Bauvorhaben ein Denkmal setzen, denkt er nicht mehr wirtschaftlich vernünftig.

Das Museum der Moderne in Berlin ist ein aktuelles Beispiel dafür. Der erste Entwurf wurde als „Kulturscheune“ verlacht. Die überarbeitete Fassung des Baus dürfte einem Medienbericht zufolge nun deutlich teurer werden. Auch der Eröffnungstermin ist nicht mehr zu halten. Ursprünglich war die Fertigstellung für 2021 vorgesehen. Jetzt ist von Mitte der 2020er-Jahre die Rede.

Positivbeispiel Schweiz

Doch in Berlin relativiert man die Kritik. „Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass mehr als 40 Prozent solcher Projekte durchaus im Zeit- und Kostenrahmen realisiert werden“, sagt Dr. Henrik Scheller, Teamleiter Wirtschaft und Finanzen vom Deutschen Institut für Urbanistik. Allerdings begründen Großprojekte Interessen- und Zielkonflikte in Politik und Zivilgesellschaft, die oft erst im Projektverlauf zum Ausgleich gebracht werden könnten. Das koste Zeit und Geld.

International läuft einiges besser. Vor allem der Bau des Gotthard-Basistunnels in der Schweiz, mit 57 Kilometern der längste Eisenbahntunnel der Welt, gilt als Positiv-Beispiel. Obwohl es während des Baus immer wieder zu Veränderungen kam, waren die Eidgenossen in der Lage, sich den aktuellen Gegebenheiten ohne große Zeitverzögerung und Kostenexplosion anzupassen.

In der Schweiz ist zudem etwas entscheidend anders: Der Bauherr haftet in jedem Fall für die Subunternehmer.

In Großbritannien gibt es eine Behörde für Infrastruktur- und Großprojekte (IPA). Obwohl von der Regierung eingesetzt, sind dort unabhängige Experten tätig, die öffentliche Großbauprojekte unter Effizienz- und Kostenaspekten beurteilen. Die IPA-Manager erstatten dem Finanzministerium und dem Kabinett Bericht. In Deutschland existiert keine solche Einrichtung.

Vorstoß von der CDU

Aber: Die CDU will mit einem Vorstoß dafür sorgen, dass Großprojekte schneller fertig werden. Beim Bundesparteitag Ende November soll ein Antrag zur Abstimmung vorgelegt werden, wonach bei zentralen Verkehrsinfrastrukturprojekten auf Planfeststellungsverfahren verzichtet werden soll – Vorbild dafür ist Dänemark.

Zudem werden große Hoffnungen ins das Building Information Modeling (BIM) gesetzt, dass einigen als umfassende Lösung für eine nahezu perfekte Planung gilt. BIM beschreibt eine Methode der vernetzten Planung, Ausführung und Bewirtschaftung von Gebäuden und anderen Bauwerken mithilfe von Software. Auch der Gesetzgeber will den Einsatz von BIM künftig fördern.

Bereits im Dezember 2015 kündigte der damalige Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) an, die Planung und den Bau von Fernstraßen oder Schienen mithilfe von digitalen Technologien von Grund auf zu verändern. Wie eine aktuelle Studie von PricewaterhouseCoopers zeigt, scheitern jedoch auch heute noch viele Unternehmen an den hohen Ansprüchen für die digitale Arbeitsweise. Lediglich 18 Prozent von hundert befragten Unternehmen aus dem Bereich Planung, Bauunternehmertum und Anlagenbau wenden die Methode an.

In Berlin könnten sich die Kosten für das Museum der Moderne verdreifachen – und keiner stoppte die Preisexplosion. Eingeplant waren 200 Millionen. Ein Jurymitglied erklärte der Süddeutschen Zeitung: „Der Betrag kam ohne irgendwelche detaillierten Planungen zustande, das war einfach mal ‘ne Summe, eine politische Zahl“.