Baum Nummer 300 steht kurz vor Eilenburg bei Kospa Pressen. Um ihn herum haben Experten weitere 24 bestimmt, die sich jedes Jahr der Prozedur unterziehen müssen.
Baum Nummer 6 geht es eigentlich ganz gut. Nur die Krone sei ein wenig dünn, sie trage 15 bis 20 Prozent weniger Laub als normal wären, sagt Förster Alexander Wünsche vom Landesforstpräsidium in Graupa. Ansonsten fällt die Diagnose gut aus, keine Vergilbung an den Blättern, keine Wildschäden, keine Insektenschäden. Damit gilt Baum 6 als leicht geschädigt, was aus forstwirtschaftlicher Sicht tolerabel sei, sagt Wünsche.

Vielfältige Ursachen
Im jüngsten Waldzustandsbericht von 2004 indes tauchen jedoch auch diese Bäume auf, fast jeder zweite Baum in sächsischen Wäldern gilt als schwach geschädigt. 17 Prozent sind sogar als stark geschädigt eingestuft, Tendenz steigend. Dabei ist die Kategorie "geschädigt" nur sehr schwer zu greifen, denn das System Wald sei so komplex, dass es selten nur eine Ursache gebe, sagt Förster Wünsche. Viele Schäden hätten eine mehr oder minder natürliche Ursache. Raupenfraß an den Blättern oder Pilzbefall komme immer vor, auch sprunghafte Vermehrungen von Borkenkäfern seien in der Natur nichts ungewöhnliches. Meistens brächen solche Riesen-Populationen auch von selbst wieder zusammen, erklärt der Forstmann.
Auch eine etwas gelichtete Krone bei Nadelbäumen sei kein Problem. Erst wenn weitere Symptome hinzukämen, müsse man gewarnt sein. "Ein bereits geschwächter Baum ist natürlich für weitere Angriffe sehr anfällig", erklärt Wünsche. Und wenn viele Einflüsse wie zum Beispiel Trockenheit, Schädlinge und vielleicht auch noch Luftschadstoffe zusammenkommen, dann sei dies doch bedrohlich für den Wald.

Schwierige Zustandserhebung
Schwierig ist für die Forstwirtschaft dabei nicht nur die Therapie, wenn so viele Symptome zusammentreffen. Schon die Zustandserhebung ist nicht ganz einfach. Denn letztlich sei der Blick in die Wipfel subjektiv, auch wenn die zu untersuchenden Bäume noch so wissenschaftlich exakt ausgesucht wurden, räumt Förster Wünsche ein. Ob eine Baumkrone große oder weniger große Lücken aufweise, liege auch im Ermessen des Betrachters. Andere Verfahren als diese, bei der allein in Sachsen sechs Teams drei Wochen lang durch die Wälder streifen und sich die 6816 ausgesuchten Bäume ansehen, gebe es jedoch nicht.
Aus der Luft könne man zwar die Verfärbung der Blätter gut erkennen, sagt Wünsche. Aber auf die Ursache könne man mit einem Blick auf ein Luftbild nicht schließen. Sind es Pilze, Insekten oder Nährstoffmangel, die den Baum leiden lassen? Vom Boden aus könne man das ganz gut erkennen, erklärt der Förster. Eingegriffen werde aber auch dann höchst selten. Das Ökosystem Wald sei dazu viel zu kompliziert. Als Beispiel führt Wünsche den sauren Regen an. Der bildete sich früher wegen der hohen Schwefelbelastung, heute indes wegen der Stickstoffe. Und was genau die bewirkten, lasse sich kaum vorhersehen.