„Erst hatten wir die Auswirkungen des Hochwassers an der Elbe. Dann gab es den Winter mit hohen Minustemperaturen und fehlendem Schnee. Und geregnet hat es seit dem Hochwasser kaum. Das alles führt zu einer prekären Lage.“ Die Zustandsbeschreibung von Uwa Gliemann, Geschäftsführer der Agrargenossenschaft Mühlberg im Elbe-Elster-Kreis, ist trübe wie die Staubwolken hinter den Traktoren. 250 Hektar Wintergerste mussten die Mühlberger unterpflügen und neu säen. Auf 20 Hektar war zudem der Winterweizen nicht mehr zu retten. „Wir müssen genau abschätzen, ob wir das Getreide stehen lassen in der Hoffnung, wenigstens noch 20 Doppelzentner vom Hektar zu ernten oder ob wir neu drillen“ , beklagt Uwa Gliemann die Zwickmühle, in der sich die Bauern befinden. 180 Euro zusätzlich kostet es, einen Hektar Getreide neu zu bestellen.
In der Agrargenossenschaft Forst rechnet der dortige Vorsitzende Egon Rattei bei Wintergerste mit einem Ernteausfall von 30 Prozent. „Wir haben die Flächen nicht umgebrochen. Das ist einfach zu teuer“ , berichtet er.

Hohes Niederschlagsdefizit
Wie in Mühlberg und Forst sieht es in weiten Teilen Brandenburgs, aber auch in Sachsen und Sachsen-Anhalt aus. Die Landwirte in Brandenburg haben fast 23 000 Hektar Wintersaaten untergepflügt und mit Sonnenblumen, Hafer oder Futterkulturen neu bestellt. Die Bedingungen für den Aufwuchs der Pflanzen sind bei der Trockenheit denkbar schlecht. Der Februar brachte in der Lausitz und im Elbe-Elster-Kreis nur zwischen drei und 24 Millimeter Niederschlag. Das sind acht bis 18 Prozent der ansonsten üblichen Menge. Von März bis Mitte April war es so trocken, dass die höchste Waldbrandwarnstufe vier ausgerufen wurde. Und auch jetzt staubt es wieder gewaltig auf den Feldern.
In Sachsen sind nach Angaben des dortigen Landesbauernverbandes vor allem die sandigen Standorte in der Lausitz von Frost- und Dürreschäden betroffen. Der Kostendruck auf die Bauern sei so hoch, dass manche Betriebe bereits ihre neue Ernte verpfändet hätten, berichtet der Sprecher des Landesbauernverbandes, Manfred Böhm. Im sächsischen Landwirtschaftsministerium geht man davon aus, dass etwa 34 000 Hektar Wintergetreide, vor allem Gerste, deutlich geschädigt sind. „Da sieht man nur kahle Flächen“ , beschreibt Ministeriumssprecher Dirk Reelfs die Lage.
Bauern wie Egon Rattei oder Uwa Gliemann haben natürlich die Hoffnung, dass die Natur noch einiges ausgleicht. Bauern müssten nun einmal auch mit den Unwägbarkeiten des Wetters leben. Frustriert reagieren sie allerdings, wenn die Rede auf die Erzeugerpreise und deren Verfall kommt. Den anhaltenden Sturzflug des Milchpreises bezeichnet Egon Rattei, der auch Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Spree-Neiße und Präsidiumsmitglied des brandenburgischen Landesbauernverbandes ist, „als Verbrechen an den Bauern“ . Im April brachte der Liter Milch den Landwirten gerade noch 26,5 Cent. Das sind 1,5 Cent weniger als im März.
„Damit kann man nicht mehr wirtschaften. 30 Cent für den Liter brauchen wir schon“ , redet Rattei Klartext. Notgedrungen hat er die Investitionen in seiner Forster Genossenschaft von 750 000 Euro auf 150 000 Euro zurückgeschraubt. Sechs Bauern musste er die Entlassungspapiere geben, vier davon waren in Rinderställen beschäftigt. „Wir bekommen gerade noch die Milch aus den Eutern der Kühe bezahlt. Werterhaltung an den Anlagen ist kaum noch möglich“ , sagt er.
Und die Milchpreise sinken weiter. In Sachsen habe eine große Molkerei bereits angekündigt, einen weiteren Cent je Liter weniger bezahlen zu wollen, kritisiert Manfred Böhm. „Jeder halbe Cent weniger macht das Loch in den Kassen der Landwirte größer.“ In Betrieben, die auf die Tierproduktion spezialisiert sind, hat die Milch 60 Prozent Anteil an den Gesamterlösen, in der Landwirtschaft insgesamt sind es 40 Prozent.

Ruinöser Preisverfall
Das „Verramschen ihrer Produkte“ , wie Manfred Böhm sagt, hat die sächsischen Bauern kürzlich zu Protesten vor Einrichtungen großer Handelsketten getrieben. Um Kunden anzulocken, hatte einer dieser Supermärkte einen Joghurt von 30 auf 25 Cent gesenkt. „Letztlich werden diese Niedrigpreise doch an die Milchbauern weitergegeben, die zudem noch höhere Ausgaben wegen der Qualitätssicherung haben“ , begründet Böhm die Aktionen. Bei den Verbrauchern sei man mehrheitlich auf Verständnis gestoßen. „Die wissen, das gute und sichere Lebensmittel auch ihren Preis haben müssen“ , so Böhm. Er hofft, dass „die Nadelstiche“ der Landwirte die Supermarktketten von Dumpingpreisen bei Lebensmitteln abbringen.
Die Protestaktionen fanden nicht in allen Bauernverbänden ungeteilte Unterstützung. „Wir müssen bundesweit, ja europaweit protestieren, um Wirkung zu erzielen“ , glaubt der Forster Egon Rattei. Uwa Gliemann aus Mühlberg findet „die Dumpingpreise selbstverständlich nicht in Ordnung. Wir Bauern sind doch aber auf den Verkauf der Milch angewiesen“ , beschreibt er die Zwangssituation, in der sich die Landwirte befinden.
Zur gegenwärtigen Misere kommt die Ungewissheit der Zukunft. Mit der inzwischen beschlossenen EU-Osterweiterung befürchten die Bauern einen erhöhten Druck auf die Märkte. „Die Tschechen haben beispielsweise bei Milch gute Ausgangsbedingungen“ , schätzt Egon Rattei ein. Für Uwa Gliemann ist eine durch die EU vorgesehene Aufstockung der Milchproduktion mit der Gefahr eines weiteren Preisrückgangs nicht „nachvollziehbar“ . Viele Landwirte verkaufen bereits ihre Milchquote, um wenigstens daran noch etwas zu verdienen. Doch auch hier sind die Preise im Keller, vor allem in den neuen Bundesländern. Während es in der Oberpfalz 72 Cent je Kilogramm Milchquote gibt, sind es in Sachsen 30 Cent, in Mecklenburg-Vorpommern gar nur 21 Cent.