„Diejenigen, die nur
Sonne
wollen,
würden
verhungern.“
 Brigitte Klante, Agrarmeteorologin beim Deutschen Wetterdienst


Uve Gliemann, Geschäftsführer der Agrargenossenschaft Mühlberg, hatte dieser Tage beim Blick auf die Kontoauszüge des Betriebes ein etwas besseres Gefühl. Die Dürrehilfe des Bundes und des Landes Brandenburg für die Ertragsausfälle durch die Trockenheit im vergangenen Sommer war gebucht. Einen sechsstelligen Betrag weist der Bankbeleg aus. Das Geld hilft, selbst wenn die zwei Millionen Euro Ernteverluste damit noch nicht mal zu einem Viertel ausgeglichen sind. „Wir brauchen wegen eigener Ausfälle zusätzlich 1000 Tonnen Mischfutter für unsere Schweineproduktion, außerdem Stroh und Heu. Das können wir davon kaufen“ , sagt Uve Gliemann.
Wenigstens ein paar Sorgenfalten sind bei ihm und anderen Chefs von Landwirtschaftsbetrieben der Lausitz und des Elbe-Elster-Kreises geglättet. Die dramatischen Gewinnverluste von durchschnittlich knapp 20 Prozent im Wirtschaftsjahr zwischen den Sommern 2002 und 2003, die Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast einräumen musste, widerspiegeln sich auch in den Bilanzen von bäuerlichen Betrieben vor allem in Südbrandenburg und im sächsischen Raum zwischen Hoyerswerda und Weißwasser.

Langanhaltende Auswirkungen
„Zum Glück ist das mit der Dürrehilfe gut gelaufen. Die Bewilligung ging doch relativ unproblematisch über die Bühne“ , ist Gerhard Kockert, Geschäftsführer der Krabat-Milch GmbH Wartha und der Mutterkuhhaltung (MKH) Agrarprodukte Wittichenau, diesbezüglich zufrieden, zumal das Futter, das wegen der Ernteausfälle zusätzlich gekauft werden muss, um gut 15 Prozent teurer geworden sei. „Wir können unsere Tiere ohne Reduzierung der Bestände versorgen. Ein leistungsgerechtes Füttern ist aber nicht möglich“ , sagt er zur aktuellen Situation. „Dadurch fehlen uns je Kuh am Tag drei Liter Milch. Bei 250 Melkkühen kommt schon etwas zusammen“ , rechnet Kockert und zieht den Schluss: „Die Trockenheit des vergangenen Jahres hat für die Tierproduktion Auswirkungen bis in den diesjährigen Herbst hinein.“ Eberhard Bruhn, Vorstandsvorsitzender der Bauerngenossenschaft in Dahme, erklärt: „Die Dürrehilfen sind lebenswichtig für uns, wenn sie auch die enormen Ausfälle nicht kompensieren können.“

Stimmung bleibt bedrückt
979 Landwirtschaftsbetriebe waren allein in Brandenburg von teils drastischen Dürreschäden betroffen. 125 gerieten nach Ministeriumsangaben sogar in eine außerordentliche Notlage. Über 28,5 Millionen Euro wurden an die Betroffenen ausgezahlt. Im Elbe-Elster-Kreis erhielten nach Ministeriumsangaben 100 Familienbetriebe und Agrarunternehmen 2,9 Millionen Euro zur Sicherung ihrer Existenzen. Im Spree-Neiße-Kreis flossen bei 43 Unterstützungsbedürftigen 1,2 Millionen Euro in die Kassen. 21 Bauernbetriebe im Oberspreewald-Lau-sitz-Kreis erhielten 653 000 Euro. Im Bereich des Landwirtschaftsamtes Dahme-Spreewald bekamen 36 Unternehmen Dürrehilfen von knapp einer Million Euro.
„Die Stimmung unter den Bauern ist aber nach wie vor gedrückt“ , schätzt Holger Brantsch vom brandenburgischen Landesbauernverband ein. „Wenigstens musste bei uns kein Betrieb aufgeben“ , ist Dieter Kestin, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Herzberg/Bad Liebenwerda, froh. „Die Kosten für Dünger, Pflanzenschutzmittel, Maschinen kommen aber jetzt im Frühjahr. Es wird schwierig. Wir brauchen wieder einmal ein normales Jahr mit guter Ernte, damit die Verluste der letzten drei, vier Jahre etwas ausgeglichen werden“ , wünscht sich Dieter Kestin.
Ein Wetterumschwung mit strengen Frösten ohne Schnee ist gegenwärtig die größte Sorge der Bauern. „Kahlfröste würden den Wintersaaten schaden“ , begründet Gerhard Kockert aus Wittichenau. Schnee, durchaus auch mit etwas Kälte, und Regen wünschen sich die Landwirte. „Das Wasserdefizit ist noch längst nicht ausgeglichen“ , so Kockert. Trotz überreicher Niederschläge im Januar sei das Regen-Defizit noch hoch, stellt Agrarmeteorologin Brigitte Klante vom Deutschen Wetterdienst fest. 200 Liter pro Quadratmeter fehlen örtlich, um die noch tief im Boden steckende Trockenheit auszugleichen, schätzt sie ein. Februar und März müssten, gemessen am langjährigen Mittel, zu nasse Monate werden, um die Wasservorräte aufzufüllen. „Diejenigen, die nur Sonnenschein wollen, würden verhungern“ , gibt die Agrarwetter-Expertin Regenmuffeln mit auf den Weg.
Die Landwirte hoffen nicht nur, dass sich der Boden erholt, sondern vor allem auch, dass der Verdrängungswettbewerb im Handel nicht zu weiteren Dumpingpreisen bei Lebensmitteln führt. „Bei den gegenwärtigen Preisen für Schweinefleisch legen die Bauern je Schwein noch zehn bis 15 Euro drauf“ , beschreibt Holger Brantsch die Situation. Uve Gliemann bestätigt: „Eine rentable Produktion bei Schweinen ist so nicht möglich.“ Auch für Gerhard Kockert sind die Schweine gegenwärtig alles andere als Glücksbringer. Im Qualitätsferkelhof Dörgenhausen, wo sein Unternehmen Mitgesellschafter ist, würden beim Verkauf je Ferkel gut fünf Euro fehlen, um wenigstens die variablen Kosten zu decken, beklagt er.

Landwirte in Kurzarbeit
Auf ewig könne man so nicht wirtschaften, sagt der Mühlberger Uve Gliemann. „Die Preise sind bei Schweinen schon seit langem einem ständigen Auf und Ab unterworfen. Ich hoffe, sie gehen wieder nach oben. So schnell geben wir Bauern nicht auf. Die Produktion in dem jetzigen Umfang und damit die Sicherung von 16 Arbeitsplätzen hängen aber am seidenen Faden, wenn es weiter bergab geht“ , so Gliemann. „Wir mussten wegen der fehlenden Gewinne im Winter erstmals Leute entlassen“ , bedauert Gliemann und hofft, dass die Entlassenen nur vorübergehend bei der Arbeitsagentur stempeln gehen müssen. Auch in anderen Genossenschaften haben die schmalen Kassen für Beschäftigte schmerzliche Folgen. Die Genossenschaft in Dahme hat nach Angaben von Eberhard Bruhn sechs Arbeitskräfte entlassen. „Von den verbliebenen 41 sind die Beschäftigten aus dem gesamten Feldbau, dem Obstbau und die Betriebshandwerker in Kurzarbeit“ , so der Vorstandsvorsitzende.

Weniger Arbeitsplätze
200 Landwirtschaftsbetriebe haben im vergangenen Jahr in Brandenburg aufgeben müssen. Dabei ist vor allem die Anzahl der kleinen Bauernhöfe, die weniger als 50 Hektar bewirtschaften, weiter zurückgegangen. Schon jetzt wird rund die Hälfte der Landwirtschaftsfläche von Betrieben mit mehr als tausend Hektar bearbeitet. In der Pflanzen- und Tierproduktion sind noch 39 208 Arbeitskräfte beschäftigt. Im Schnitt werden nur noch 0,98 Arbeitskräfte für Saat, Pflege und Ernte auf 100 Hektar benötigt. Im Jahr 2002 waren es immerhin noch 1,1 Arbeitskräfte. Nach Überzeugung der Landwirte sind neben den Wetterkapriolen der vergangenen Jahre vor allem auch die Rahmenbedingungen verantwortlich für die Gewinnverluste. „Die werden immer schlechter“ , beklagt Bauer Werner Nitzsche aus Stechau, der mit seinem Partner Joachim Klopp 540 Hektar Acker- und 360 Hektar Grünland unter Pflug und Erntemaschine nimmt.
„Die Bauern haben nicht schlechter gewirtschaftet, sondern die Voraussetzungen dafür sind Ursache der negativen Ergebnisse“ , bekräftigt der Präsident des sächsischen Landesbauernverbandes, Frank Rentzsch. Die Erlöse für ihre Produkte seien für die Bauern inzwischen existenzbedrohend, beklagt er. Holger Brantsch vom brandenburgischen Landesbauernverband fordert von Bundesverbraucherministerin Renate Künast eine „harte Hand“ gegenüber dem Lebensmittel-Handel. „Wenn der die Nahrungsmittel unter dem Einstandspreis verramscht, ist das eindeutig sittenwidrig“ , schimpft Brantsch.