Von der Mittelalter-Welle mit ihren Kostümspektakeln, historischen Märkten und Ritterspielen will sich der gelernte Steinmetz und Kunsthistoriker absetzen. "Wir spielen nichts nach, wir konstruieren unter denselben Bedingungen wie im 13. Jahrhundert", sagt der dunkelhaarige Mittvierziger. Auf seiner Baustelle südwestlich von Auxerre gibt es weder Strom noch Kräne. Auch Wasserwaagen und Sägen sind nicht erlaubt. Die waren damals noch nicht vorhanden. Inmitten der großen Lichtung ist bereits das aus groben Steinen gemauerte Wohngebäude zu erkennen, das von zwei Rundtürmen flankiert ist. Der Baustellenlärm beschränkt sich auf das Hämmern der Steinmetze und die Zurufe der Arbeiter. In ihren groben Kitteln mit Ledergürteln erinnern sie an ihre Vorgänger, die vor 800 Jahren auf Baustellen gearbeitet haben. Hier und da gibt es aber neuzeitliche Stilbrüche. "Natürlich sind wir nicht in allen Details mittelalterlich", sagt er und grinst. Vor allem nicht bei den Arbeitsverträgen mit ihrer 35-Stunden-Woche und beim Thema Sicherheit. "Risiken gehen wir auf keinen Fall ein", erklärt er. Deswegen gibt es auch auf dem Baugerüst Auffangnetze. Und die meisten Bauarbeiter tragen Schutzhelme. In der Nähe eines der beiden Wachtürme machen sich zwei Arbeiter gerade daran, einen meterhohen Steinbrocken auseinanderzubrechen. Ein Gespann mit einem kräftigen Kaltblutpferd der Percheron-Rasse steht bereit, um die Brocken ein paar Meter weiter zu den Steinmetzen zu bringen. Dort werden sie je nach Bedarf zurechtgeschlagen. "Wir haben den Platz wegen des Steinbruchs ausgesucht", sagt Renucci. Fast alle Materialien kommen aus der Umgebung - die Steine, der Lehm für die Ziegel, das Eichenholz für die Balken. Der Kunsthistoriker zieht eine mittelalterliche Darstellung von Steinmetzen aus seiner Mappe und zeigt auf deren Werkzeuge. "Solche Bilder helfen uns", sagt er. Bei den Arbeitsgeräten können historische Dokumente noch Hinweise geben, bei den Methoden wird es schwieriger. "Das praktische Wissen wurde vor allem mündlich überliefert, und da ist vieles verloren gegangen", sagt Renucci. So bleibt den Arbeitern in Guédelon nichts anderes übrig als auszuprobieren. "Für einen Meter Mauer haben wir 80 Kubikmeter Stein verbaut", sagt Renucci. Besonders stolz sind die Bauleute auf das Kreuzrippengewölbe, das über einer hölzernen Schalung aufgebaut wurde. "So etwas hat wohl noch nie jemand mit mittelalterlichen Methoden nachgebaut", glaubt Renucci. Das Dach am Hauptgebäude ist bereits zur Hälfte mit selbst gebrannten Ziegeln aus dem Lehmboden der Umgebung gedeckt. "Wir hatten Glück, dass sich der Boden hier dafür eignet", meint der Baumeister. Im Innenhof steht ein hölzernes Rad, das an ein überdimensionales Hamsterrad erinnert. Es ist ein mittelalterlicher Lastenaufzug, der tatsächlich funktioniert. Von den vier Türmen auf der Eingangsseite sind bislang nur die Fundamente zu sehen. Dafür ist aber die mächtige Holzbrücke schon fertig, für die 56 Eichen gefällt und 700 Nägel geschmiedet wurden. Ganz wie im Mittelalter hat sich in der Nähe der Großbaustelle eine Dorfgemeinschaft von Handwerkern gebildet - mit der Ausnahme, dass die Schmiede, Korbflechter und Töpfer nicht mit ihren Familien dort wohnen, sondern nach Feierabend mit dem Auto nach Hause fahren. Zwölf Jahre baut Renucci mit seiner Mannschaft nun schon an dem Schloss. 2025 soll es fertig sein. Die Idee hatte ursprünglich ein echter Schlossherr, Michel Guyot, der auf seinem nahe gelegenen Château Saint Fargeau historische Ritterspiele veranstaltet. Guédelon finanziert sich vor allem über die Eintrittsgelder. 2008 haben mehr als 250 000 Menschen die mittelalterliche Baustelle angeschaut, die jedes Jahr von März bis November in Betrieb ist.