Barack Obama ist ein großartiger Redner. Keine zwei Minuten braucht er bei seiner Rede zur Lage der Nation, um zur Schlüsselpassage zu gelangen. Die Formulierung ist dramatisch-optimistisch und beinahe poetisch zugleich. Der "Schatten der Krise" sei vorübergezogen. Kern der Botschaft: Amerika ist zurück, stärker denn je. Stärker als der Rest der Welt. Das klingt wie der einstige Slogan Franklin D. Roosevelts: "Happy days are back again."

Doch es geht um mehr als eine Zustandsbeschreibung des Landes. Noch genau zwei Jahre hat Obama im Weißen Haus zu dienen. An diesem Dienstagabend ist er dabei, auf die Zielgerade seiner Präsidentschaft einzubiegen. Es geht nicht so sehr um die Tagespolitik, um die Initiativen und Gesetze, die er noch durchsetzen will - und die ihm die Republikaner vermasseln werden. Es geht um sein Vermächtnis, um das Bild, das er in den Geschichtsbüchern hinterlassen will.

Krise und Kriege sind vorbei

Krise war gestern. Die langen Jahre der Wirtschaftskrise, des schleppenden Wachstums, der Kriege im Irak und in Afghanistan - alles das ist vorbei. Sicherlich, es gibt Probleme, es gibt Verzerrungen in der Gesellschaft, die immer stärker werden. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer tiefer. Doch der Kern seiner Rede ist einfach und klar: Seht her, die schlimmen Zeiten haben wir hinter uns.

Obama ist älter geworden, das Haar ergraut, die Gesichtszüge sind straffer, der jugendliche Charme ist längst verflogen. Kein Zweifel: Obama hat bisher eine schwierige Amtszeit gehabt. Das schwere Erbe, das er übernehmen musste, hat ihm seine Präsidentschaft verhagelt. "Wir verändern Amerika und die Welt", hatte er im Wahlkampf 2008 vollmundig verkündet. Es kam anders. Jetzt, da die Wirtschaft brummt und der Dollar steigt, will er die Ernte einfahren.

Geradezu aufreizend selbstbewusst gibt sich Obama. "Amerika ist heute bei Öl und Gas Nummer eins." Kein anderes Land sei derart dynamisch, derart innovativ wie Amerika. Auch einen Seitenhieb auf Europa kann er sich nicht verkneifen. "Seit 2010 hat Amerika mehr Menschen zurück in die Arbeit gebracht als Europa, Japan und alle entwickelten Volkswirtschaften zusammen." Lange Zeit haben Europäer Obama kritisiert, jetzt ist Europa der kranke Mann.

Selbst der Terrorismus, die Ukraine-Krise und der russische Präsident Wladimir Putin können ihm an diesem Abend nicht die Stimmung verderben. Europa ächzt unter Terror und Terrorangst, in der Ostukraine brennt es wieder lichterloh - doch der Chef der Weltmacht Nummer eins geht eher im Vorbeigehen darauf ein.

Unangenehmes und Missliches auszublenden, war immer schon eine Stärke Obamas. Zwei Monate ist es her, dass ihm die Republikaner eine krachende Niederlage bei den Kongresswahlen zugefügt haben - das erwähnt er mit keinem Wort. Schon drohen die Republikaner, ihm jede Menge Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Doch Obama kontert kühl. Er weiß, dass er mit seinem Vetorecht noch einen Trumpf im Ärmel hat, den ihm niemand nehmen kann.

Abseits des Parteiengezänks

Das Klein-Klein des Parteiengezänks war dem Präsidenten stets zuwider. Es scheint, als wolle er sich jetzt noch stärker heraushalten. Zwar schlägt er höhere Steuern für die Reichen vor, bezahlte Krankentage, kostenloses Studium an Fachhochschulen. Doch ob dies tatsächlich Realität wird, scheint eher zweitrangig.

In Wirklichkeit ist es eher eine Wahlrede von Obama. Vermutlich schon im Sommer wird der Vorwahlkampf ausbrechen, spätestens im Herbst. Es gehe ihm jetzt darum, die Konturen und Themen des Wahlkampfes zu beeinflussen, solange er das noch kann, schreibt die "New York Times".

53 Jahre alt ist Obama. Das Bild, das er der Nachwelt hinterlassen will, hat er dennoch bereits im Visier. Beinahe schon ein wenig abgehoben wirkt der Präsident. Und selbstbewusst bis an die Grenzen der Arroganz. Streckenweise großspurig und anmaßend nennt die "New York Times" seine Rede.

Im Originalton Obama hört sich das so an: "Ich habe keinen Wahlkampf mehr zu führen." Dann lächelt er genüsslich, schaut zu den Republikanern hinüber. Und fügt hinzu: "Ich habe beide gewonnen."