Die Wiesen im Naturschutzgebiet Untere Pulsnitz stehen auch einen Monat nach dem letzten Hochwasser unter Wasser. Kälber und Mutterkühe waten durch die knietiefe Brühe.

Die Landwirtschaft ist einer der größten Arbeitgeber der Region. Ralf Hahndorf, Geschäftsführer der Schradenfrucht Gröden GmbH, fühlt sich wie viele Landwirte im Amt Schradenland (Elbe-Elster) im Stich gelassen. Auf den Weiden wüchsen durch das Stauwasser mittlerweile mehr Binsen statt Gras - für das Vieh nicht schädlich, aber weniger bekömmlich, sagt Ralf Hahndorf. Auf den Feldern stehen noch riesige Pfützen. Erst nach eingehender Prüfung werde man sehen, was von der Ernte verwertet werden kann. Der auf Ackerbau spezialisierte Landwirt beklagt: "Immer mehr Fläche bleibt liegen. Weil das Wasser steht."

Zwischen den umliegenden Ortschaften Gröden und Merzdorf und den landwirtschaftlichen Flächen an der Pulsnitz liegt ein Höhenunterschied von etwa 20 Metern - nicht nur bei Hochwasser, auch bei starken Niederschlägen sammelt sich das Wasser aus den höheren Lagen in der Niederung. Und es versickert nur langsam.

Die Be- und Entwässerung der Polder wird durch ein breites Grabensystem und Schöpfwerke reguliert. Bei erhöhtem Pegel in den Gräben pumpen die Werke das Wasser in die Pulsnitz.

Am Südufer wurde hierfür 1930 das Schöpfwerk Merzdorf errichtet. Erst 2001 wurde es saniert, zwei automatisch über Sensoren gesteuerte Pumpen installiert. Doch diese, so der Vorwurf der Landwirte, seien nicht leistungsfähig genug, die Überflutungsflächen nach Hochwasser zügig zu entwässern. "Wir reden seit 15 Jahren, dass hier etwas passieren muss", sagt Ralf Hahndorf, "es kann nicht sein, dass sich das Land nicht für uns interessiert."

Bernhard Naumburger vom Gewässerverband "Kleine Elster-Pulsnitz" erläutert die Situation: "Bei Normalwasser ist die Leistung des Schöpfwerkes Merzdorf ausreichend." Probleme bereitet Wasser, das aus dem parallel zum alten Schöpfwerksgraben verlaufenden Großthimmig-Krauschützer-Binnengraben durch einen beschädigten Damm in den Vorfluter des Werkes fließe.

Bei erhöhtem Pegel der Pulsnitz wird flussaufwärts das Hochwasserschöpfwerk Hirschfeld in Betrieb genommen. Das entlastet den Großthimmig-Krauschützer-Binnengraben und somit auch den Zulauf des Schöpfwerkes Merzdorf.

Eine Umleitung des Binnengrabens nördlich am Merzdorfer Schöpfwerk vorbei und der Bau eines neuen Dammes ist nach Angaben des Gewässerverbandes bereits in Planung.

Vorwürfe, das Schradenland sei Überflutungsfläche, um größere Städte wie Elsterwerda, Bad Liebenwerda und Herzberg vor Hochwasser zu schützen, weist der Gewässerverband zurück.

Im jüngsten Hochwasserfall sei das Schöpfwerk Merzdorf an zwei Tagen abgeschaltet worden, weil das Wasser der Pulsnitz zum Werk gedrückt habe. Es kam zum Überlaufen des Abflussbeckens. Das Werk hätte die Wassermassen dann im Kreis gepumpt.

Den Landwirten wäre es recht, wenn über das Entwässerungssystem der Grundwasserpegel gesenkt und die überfluteten Weiden im Moor wieder genutzt werden kann.

In den 1970er-Jahren sind hierfür in einem Meliorationsprogramm Stauanlagen gebaut, wichtige Gräben vertieft und kleinere Gräben verschüttet worden, erläutert Bernhard Naumburger vom Gewässerverband. Der Verband sei für die Bedienung des Schöpfwerkes Merzdorf und jene Stauanlagen zuständig, die auf dem Grund des Landes liegen. Für Anlagen auf Privateigentum seien die Anlieger selbst verantwortlich.

Beim jüngsten Hochwasser, so der Vorwurf des Gewässerverbandes, haben Landwirte Stauanlagen bedient, für die sie keine Berechtigung haben. "Bei Hochwasser denkt jeder betroffene Landwirtschaftsbetrieb zuerst an sich", so der Geschäftsführer des Gewässerunterhaltungsverbandes, Hubertus Brückner. "Im Osten reißen die Landwirte Stauanlagen auf, in den Niederungen im Westen versinken die Flächen."

Eine "schrittweise Enteignung auf nassem Weg" seien die jährlichen Überflutungen, so Schradenland-Amtsdirektor Thilo Richter und fordert Unterstützung vom Land. Hochwasserschutz ist Landesaufgabe, sind sich die Betroffenen einig. Nahezu 99 Prozent der Flächen im Überflutungsgebiet sind Privateigentum, das von Agrarbetrieben gepachtet wird, teilweise aber wegen des Stauwassers nicht bewirtschaftet werden kann.

Seit der Flut 2010 habe sich die Grundwasserlage nicht normalisiert, erklärt Bernhard Naumburger. Bereits damals habe der Gewässerverband Vorplanungen für einen Schöpfwerk-Neubau beim Landesumweltamt (LUGV) eingereicht. Das Vorhaben ist bis zum Abschluss der Hochwasserrisikomanagementplanung des Landes eingestellt. Das Wasserwirtschaftsamt wird nach Angaben des LUGV bis Ende 2014 ein Konzept für das Hochwasserrisikomanagement im Einzugsgebiet der Schwarzen Elster in Brandenburg erarbeiten. Die Landwirte im Amt Schradenland wollen unterdessen weiterkämpfen.

Zum Thema:
In einer Petition an Brandenburgs Ministerpräsidenten Matthias Platzeck (SPD) fordern die Landwirte primär den Neubau eines leistungsfähigen Schöpfwerkes. Zudem wollen sie bessere Abstimmung im Hochwasserfall mit den zuständigen Behörden, einen unbürokratischen Ausgleichsfonds, wenn das Schöpfwerk abgeschaltet werden muss sowie die zweimalige Unterhaltung der Vorfluter im Jahr.