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Bangen um die Macht: Finnlands Regierung fehlt der Zaubertrank

Helsinki. Spannungen in Europa, Russland-Sanktionen, eine kriselnde Wirtschaft und kein neues Nokia in Sicht: Finnland hat nicht nur ein Problem. Der Regierung traut vor der Wahl kaum noch jemand eine Lösung zu.

Der Mann, der Finnland regiert, gilt bei seinen Landsleuten als äußerst "unfinnisch". Er ist sehr extrovertiert, knipst in der Öffentlichkeit Selfies, trägt teure Anzüge. "Einige halten sehr viel von ihm", sagt Markku Jokisipilä, Direktor am Zentrum für parlamentarische Studien der Universität Turku, über Alexander Stubb, genannt Alex. "Aber das ist eine Minderheit." Der konservative Ministerpräsident will für ein "offenes, modernes und internationales Finnland" stehen, sagt er selbst. Dass er das tut, glauben die Finnen immer weniger. Kurz vor der Parlamentswahl am 19. April sieht es in Umfragen schlecht für Stubb aus.

An einem Dienstagmorgen im März ist der 47-Jährige zu Besuch in einer Schule in Espoo, eine halbe Stunde Autofahrt von der Hauptstadt Helsinki entfernt. Stubb wohnt in der Nähe, die Schüler haben ihn eingeladen. Rektor Matti Rajamäki, ein Mann mit tief auf der Nase sitzender Brille und Schnurrbart, ist sichtlich aufgeregt. "Wir haben ja nicht jeden Tag den Ministerpräsidenten hier." Die Jugendlichen wollen Stubb ihre Ideen für ein modernes Klassenzimmer präsentieren. Und ihrem Regierungschef zuhören.

"Es ist egal, wie ihr ausseht, solange ihr euch gut fühlt", rät der den Schülern. "Und um euch gut zu fühlen, müsst ihr genug schlafen, vernünftig essen und angemessen Sport treiben." Tipps für Geist und Körper hat der frühere Eishockeyspieler und Golfstipendiat viele.

Aber in einer Zeit der wirtschaftlichen Krise, einer Arbeitslosenquote von über zehn Prozent und Spannungen mit dem großen Nachbarn Russland sind den Finnen gute Ratschläge nicht genug. Sie wollen handfeste Lösungen sehen. "Viele Leute meinen, dass die Politik ein ernsthaftes Geschäft sein muss. Und dass Stubb ein Gespött daraus macht", sagt Jokisipilä. Dass seine Regierung ihre selbstgesteckten Ziele nicht erreicht, kommentieren sie immer lauter und kritischer.

Erst im März scheiterte eine groß angekündigte Sozial- und Gesundheitsreform an Verfassungsproblemen. Ein politisches Desaster für die ohnehin bröckelnde Koalition. "Sie hatten soviel Zeit und Mühe in diese Reform investiert", sagt Jokisipilä. Denn Finnland hat eine Strukturreform dringend nötig, um sich seinen Wohlfahrtsstaat weiter leisten zu können. Doch jetzt herrscht wieder Stillstand.

"Ich habe vor neun Monaten eine schwierige politische und wirtschaftliche Situation geerbt", verteidigt sich Stubb. "Und es gibt keinen Zaubertrank dafür, die Dinge herumzudrehen", sagt er der Deutschen Presse-Agentur. Gäbe es ihn, würde Stubb seine magischen Kräfte wohl dazu nutzen, ein Unternehmen wie Nokia herbeizuzaubern. "Wir haben diese große Mission, ein neues Nokia zu finden", sagt Jokisipilä, "etwas, das die Zukunft von Finnland sein könnte."

In der Zwischenzeit ist Stubbs Lösung für Finnlands Probleme ein Sparkorsett. Er will es enger schnüren als die anderen Parteien und auch als sein Herausforderer Juha Sipilä. Trotzdem trauen die Finnen diesem eher zu, die wirtschaftliche Situation wieder in den Griff zu bekommen. Die Politik ist seine zweite Karriere, davor war er ein erfolgreicher Geschäftsmann. "Das macht ihn gerade zu einem sehr glaubwürdigen und vielversprechenden Kandidaten", meint Jokisipilä. Zudem stehe Sipilä für einige zentrale finnische Werte: "Er ist sehr pragmatisch, kooperativ und gelassen. Er streitet nicht gern."

Immer häufiger streiten dagegen laut dem Forscher inzwischen die bisherigen großen Koalitionspartner Nationale Sammlungspartei und Sozialdemokraten. Die seien stattdessen Sipiläs sozialliberaler Zentrumspartei näher gekommen - auch wenn der Spitzenkandidat die Frage nach möglichen Regierungspartnern noch nicht beantworten will. Seine Partei ist besonders auf dem Land beliebt, während Stubbs Konservative vor allem das Wirtschaftsleben am liebsten auf den südfinnischen Raum um Helsinki konzentrieren wollen, um dem Land im globalen Wettbewerb Aufwind zu geben.

Die wirtschaftlichen Probleme haben im finnischen Wahlkampf auch die Nato-Debatte verdrängt. Bei den Wählern kann Stubb an dieser Front ohnehin keinen Boden gutmachen: Die meisten Finnen sind nach Umfragen gegen eine Mitgliedschaft Finnlands in dem Verteidigungsbündnis, die ihr Ministerpräsident offen unterstützt. Sipilä ist dagegen. "Die nächste finnische Regierung wird den Beitrittsprozess Finnlands zur Nato definitiv nicht starten", sagt Jokisipilä. "Es sei denn, es passiert etwas sehr Überraschendes in Russland."

Die besondere Beziehung zu Russland und der Umgang mit dem großen Nachbarn sind ein empfindliches Thema. Finnland leidet besonders unter den Sanktionen der EU. Während der leidenschaftliche Europäer Stubb deren Linie klar unterstützt, habe sich die Zentrumspartei offener dafür gezeigt, ein bilateraleres Verhältnis zu Russland aufzubauen, meint Jokisipilä.

Über den Ukraine-Konflikt und die Sicherheit in Europa hat Stubb Ende März auch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) diskutiert. Sie hatte ihren Kollegen im Wahlkampf-Endspurt in Helsinki besucht. Doch auch der Rückenwind aus Berlin wird ihm wohl nicht nützen. In letzten Umfragen liegt seine Partei in der Wählergunst abgeschlagen hinter der Zentrumspartei - und knapp hinter den Sozialdemokraten - an dritter Stelle. Wenn Stubb in letzter Minute nicht doch noch einen Zaubertrank findet, sieht es schlecht für ihn aus.

Zum Thema:
Finnland ist mit 18 Einwohnern pro Quadratkilometer einer der am dünnsten besiedelten Staaten Europas. Das Land am Polarkreis in Zahlen:

Größe: gut 338 000 qkm - etwas kleiner als DeutschlandWaldfläche: rund 70 ProzentEinwohner: rund 5,4 MillionenHauptstadt: Helsinki (gut 600 000 Einwohner)Lebenserwartung im Schnitt: 80 JahreRegierungschef: Alexander Stubb (seit Juni 2014)Bruttoinlandsprodukt je Einwohner: 35 600 Euro (2013)Durchschnittseinkommen 2013: 3259 EuroExportgüter: Elektronik, Maschinen, HolzHaupthandelspartner: Russland, Schweden, Deutschland.