"Das letzte Todesopfer der Mauer", wie der Historiker Hans-Hermann Hertle erläutert. Die leere Hülle des Gasballons senkt sich wenige hundert Meter entfernt auf einen Straßenbaum, an ihr hängt noch Freudenbergs Lederjacke. Die amtliche DDR-Nachrichtenagentur ADN bestätigt die Flucht erst einen Tag später. Freudenberg starb noch nach Chris Gueffroy, der in der Nacht zum 6. Februar 1989 im Alter von 20 Jahren im Kugelhagel von DDR-Grenzern umkam. Seit 2005 erforschen die Gedenkstätte Berliner Mauer und das Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) Potsdam in einem gemeinsamen Projekt die Biografien der Maueropfer. Nach dem aktuellen Stand sind es mindestens 136. Was Hertle und seine Mitstreiter über Leben und Tod der Maueropfer herausgefunden haben, wird demnächst in einem multimedialen Ausstellungsterminal in der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße und vermutlich auch im Haus der Brandenburgischen Geschichte in Potsdam zu sehen sein. Die Forschergruppe hat unter anderem Ermittlungsakten der DDR-Sicherheitsorgane, aber auch der West-Berliner Polizei ausgewertet. Die Historiker befragten auch Freunde und Verwandte der Umgekommenen. Der Ingenieur Freudenberg stammte aus Lüttgenrode im Harz. Im Herbst 1988 heiratete er seine Freundin Sabine, eine Chemikerin. Monatelang plante das Paar die Flucht mit einem Ballon, den sie zusammenbastelten. Um an Gas zu kommen, nahm Freudenberg eine Stelle bei der Gasversorgung an und zog nach Ost-Berlin. Die Tragödie beginnt in der Nacht zum 8. März 1989, als die Windverhältnisse günstig scheinen. Freudenberg rechnet mit maximal 30 Minuten Flugzeit bis West-Berlin. An einer Reglerstation in der Nähe des S-Bahnhofs Blankenburg im Norden Berlins betankt das Paar die Ballonhülle mit Erdgas. Dass Verhängnis ist auch mit einem Kellner verbunden, der auf dem nächtlichen Heimweg den sich aufrichtenden Ballon sichtet und über Notruf an die DDR-Volkspolizei verrät. Eine Funkstreife eilt herbei. Es ist noch nicht genug Gas im Ballon, um zwei Menschen tragen zu können. So kappt Freudenberg allein das Ankerseil. Aus Angst vor einer Gasexplosion schießen die Polizisten nicht. Zwar fliegt Freudenberg unbemerkt über die Grenze in die Freiheit, doch dann beginnt ein stundenlanger zäher Kampf mit einer wohl unzuverlässigen Reißleine und tückischen Winden, die ihn zeitweise in Höhen von mehr als 2000 Metern führen. Freudenberg bekommt den Ballon nicht auf den Boden. Was dann passierte, ist unklar. "Die West-Berliner Polizei vermutet, dass es ihm doch gelang, Gas abzulassen, so dass der Ballon sehr schnell abwärts fiel", schreibt die Historikergruppe. "Durch Windeinflüsse habe er dann noch einmal Auftrieb erhalten, wodurch eine Bremswirkung entstand, die Winfried Freudenberg aus seinen Halterungen schleuderte." www.chronik-der-mauer.de