Für Fachleute wie Klaus Freytag kommt die Idee, westlich der Neiße ein Braunkohlefeld zu erkunden, nicht überraschend. „Geologie kennt keine Landesgrenzen, das Kohleflöz geht auf der polnischen Seite weiter“, sagt der Chef des Brandenburger Landesamtes für Geologie und Rohstoffe in Cottbus. Vor einem dreiviertel Jahr hatte sein Amt eine Anfrage von der polnischen Regierung in Warschau bekommen, welche Belastungen durch den Bergbau in der Spree-Neiße-Region schon vorhanden seien. „Wir haben mitgeteilt, welche Genehmigungen wir hier erteilt haben, seitdem haben wir nichts mehr davon gehört“, so Freytag.

Hintergrund dieser Anfrage sind Pläne, unmittelbar an der Neißegrenze in Polen neben dem Spree-Neiße-Kreis zwischen Gubin, Brody und Zazieki bei Forst einen Braunkohletagebau zu erschließen und ein Kraftwerk zu bauen. Grube und Kraftwerk könnten nach bisherigen Überlegungen größere Dimensionen haben als der Tagebau und das Kraftwerk Jänsch walde. Dem Gebiet zwischen Forst und Guben direkt am Grenzfluss würde dann eine jahrelange Insellage zwischen beiden Bergbaugebieten drohen.

Vorerst Erkundungen

Doch noch ist es nicht so weit. Das Kohlefeld wird zunächst an vielen Stellen mit bis zu 180 Meter tiefen Probebohrungen erkundet. In etwa zehn Jahren könnte dann die bergmännische Arbeit an der Grube beginnen, so bisher bekannt gewordene Pläne. Verfeuert werden soll diese Kohle in einem noch zu bauenden neuen Kraftwerk mit CO{-2}-Abscheidung, das in der Nähe von Gubin stehen soll. Verbunden mit den polnischen Tagebauplänen wäre die Umsiedlung von mehr als 1000 Dorfbewohnern.

Für die Kohleförderung und Verstromung an der Neiße haben das staatseigene polnische Bergbauunternehmen Konin und das Poznaner Energieunternehmen Enea im Herbst zu gleichen Teilen eine neue Gesellschaft, das „Energieunternehmen Gubin“ gegründet. Enea ist einer von vier polnischen staatlichen Stromversorgern mit 2,3 Millionen Kunden. Über eine Beteiligung von knapp zwanzig Prozent an Enea hat der Energiekonzern Vattenfall Europe bei den Abbauplänen an der Neiße einen Fuß in der Tür. Die Diskussion über Privatisierungen im polnischen Energiemarkt hat das Interesse mehrerer europäischer Unternehmen geweckt. Der Investitionsbedarf in diesem Bereich wird von Fachleuten als riesig eingeschätzt.

Die Tagebaupläne östlich der Neiße bei Guben sind jedoch nicht nur für den Stromkonzern Vattenfall interessant, auch die Gegner neuer Braunkohlegruben haben den Kontakt ins Nachbarland hergestellt. Zweimal schon waren polnische Naturschützer aus der Region zwischen Brody und Gubin zu Gast bei der „Klinger Runde“. In ihr sind Vertreter von Kommunen, Kirchgemeinden und Bürgerinitiativen der brandenburgischen und sächsischen Lausitz zusammengeschlossen, die den Aufschluss neuer Kohlegruben in der Region ablehnen. Ingolf Kschenka, Pfarrer im Forster Ortsteil Noßdorf, gehört dazu. „Ich finde das traurig und bedenklich“, so sein Kommentar zu den Kohlefelderkundungen jenseits der Grenze. „Die Klimasituation würde noch schlechter und wertvolle Landschaft zerstört, wenn es dort zum Kohleabbau kommt“, sagt er. Dass sich in den polnischen Nachbarorten Widerstand gegen die Bergbaupläne formiert, sei erfreulich. Doch längst nicht alle sind auf polnischer Seite gegen einen großen Tagebau plus Kraftwerk, die 2000 Arbeitsplätze in die Region bringen könnten. „Das ist mehr Chance als Risiko, der polnische Staat wird da auch auf das Tempo drücken“, so Rubins Bürgermeister Bartolomiej Bartczak. Der jüngste Streit um das russische Erdgas habe außerdem gezeigt, wie wichtig mehr Unabhängigkeit sei. Er rechnet nicht mit großem Widerstand der Bevölkerung, die dann umgesiedelt werden muss. Die Menschen hier seien nicht so tief verwurzelt, weil sie aus Ostpolen zugewandert seien, so Bartczak. Die Gemeinden Gubin und Brody haben inzwischen den Probebohrungen zugestimmt. Für den geplanten Tagebau gibt es noch kein förmliches Genehmigungsverfahren. Wenn so ein Verfahren eingeleitet wird, dann werde auch die grenzüberschreitende Wirkung geprüft, versichert der Chef des Brandenburger Landesbergamtes, Klaus Freytag: „Wir sind schließlich alle in der EU.“

„Polnische Angelegeheit“

Auf die Anwendung von EU-Standards für so ein Verfahren verlässt sich auch der Spree-Neiße-Landrat Dieter Friese (SPD). Ansonsten will er die Bergbaupläne seiner Nachbarn nicht kommentieren. „Das ist eine polnische Angelegenheit, da wird man sich Einmischung verbitten.“ Wenn es zur Kohleförderung und zum Kraftwerksbau kommt, geht Friese davon aus, dass dieser Strom im Nachbarland auch dringend gebraucht wird. „Und dann ist mir ein Kohlekraftwerk zehnmal lieber als ein Kernkraftwerk“, so der Landrat. Ein Kohlekraftwerk könne im schlimmsten Falle nur abbrennen.

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