Frau Baerbock, wie stellen Sie sich die Lausitz 2030 vor?
Meine Vision ist, dass 2030 die Region vor allem als nachhaltige Mittelstandsregion bekannt ist und man sich von dem Kohle-Image gelöst hat, das heißt, die letzten, heute noch aktiven Tagebaue in der Lausitz ausgekohlt werden und die Tagebausanierung so weit fortgeschritten ist, dass wir die Probleme vor Ort, wie die Spreeverockerung, in den Griff bekommen haben.

Sind Sie auch weiterhin der Ansicht, dass es möglich ist, ab 2030 beim Strom vollständig auf erneuerbare Energien zu setzen?
In der Region Berlin-Brandenburg auf jeden Fall. Wenn man die Weichen heute dafür stellt, ist das möglich. Im gesamten Bundesgebiet hängt es stark davon ab, welche politischen Entscheidungen heute getroffen werden. Wenn man den Ausbau der erneuerbaren Energien weiter drosselt, ist das Ziel nicht zu erreichen. Mit dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz vor 15 Jahren hat man einen Kurs eingeschlagen, wo man perspektivisch hinwill. In den letzten Jahren wurden von der Bundesregierung jedoch immer wieder Stolpersteine eingebaut - das ist natürlich fatal, wenn man in Richtung 100 Prozent erneuerbare Energien gehen will. So ist es auch in Brandenburg zum Verlust von Hunderten Arbeitsplätzen in der Solarbranche gekommen.

Stichwort Arbeitsplätze - Sie haben jüngst gesagt, dass die Arbeitsplätze in der Lausitzer Kohle auch ohne Sigmar Gabriels geplante Klimaabgabe für Kohlekraftwerke stark reduziert werden. Wo werden diese Menschen 2030 arbeiten?
Ja, Vattenfall hatte auch vor der Klimaabgabe geplant, die Zahl der Beschäftigten in den nächsten Jahren deutlich zu reduzieren. Aber Bergleute werden auch bei einem schrittweisen Kohleausstieg in der Region weiter gebraucht, vor allem bei der Tagebausanierung. Das ist ein Jahrhundertprojekt, das uns die nächsten Jahrzehnte in der Lausitz begleiten wird. Die eine Sache ist, die Tagebaurestlöcher zu renaturieren, und die andere, wie wir mit der Spreeverockerung umgehen. Zudem ist die Lausitz industriell stärker diversifiziert als immer dargestellt. Im Bereich Metall, Stahl, Maschinenbau fehlen schon heute Fachkräfte. Hinzu kommt der Tourismusbereich. Wichtig ist auch der Bereich Hochschule, mit Blick auf die Energieregion, die die Lausitz ja ist. Hier müssen Forschungsförderprojekte und Ausgründungen aus der Hochschule im Bereich Energiewirtschaft stärker unterstützt werden. Allerdings wird der demografische Wandel die Lausitz so treffen, dass wir 2030 nahezu 36 Prozent weniger Beschäftigte in der Lausitz haben werden, sodass wir eher einen Fachkräftemangel haben werden als zu wenig Arbeitsplätze.

Was kann Ihrer Ansicht nach gegen den drohenden Fachkräftemangel getan werden?
Es muss damit geworben werden, dass die Region attraktiv ist. Es darf eben nicht kommuniziert werden, dass alles hier verschwindet, wenn die Kohle weggeht, und dass es hier keine Arbeitsplätze gibt. Man sollte proaktiv schauen, wie man gerade jungen Familien eine Zukunftsperspektive bieten kann, die andere Regionen nicht haben: Neben einer guten Kita- oder Gesundheitsversorgung gibt es eine große Zahl an kleinen Betrieben, die händeringend Nachfolger suchen. Hier müsste von Seiten der Landesregierung ein Programm aufgesetzt werden zur Unternehmensnachfolge, auch in Zusammenarbeit mit der IHK. Jugendliche müssten direkt angesprochen werden. Hier gibt es riesiges Potenzial, bei 7500 Firmen mit durchschnittlich zehn Mitarbeitern sind das 75 000 Arbeitsplätze - das liegt deutlich über den Mitarbeitern im Kohlebereich.

Sie sehen die Lausitz 2030 positiv?
Ja, wenn sich jetzt alle einbringen, Unterstützung einfordern und die Potenziale der Lausitz in den Vordergrund stellen. Es ist ein langwieriger Prozess, der aber gelingen kann, wenn man bereit ist, ihn proaktiv zu gestalten.

Mit Annalena Baerbock

sprach Steffi Ludwig

Zum Thema:
Erschienen sind bereits Beiträge der Ministerpräsidenten Dietmar Woidke und Stanislaw Tillich sowie Joachim Ragnitz vom ifo-Institut. Lesen Sie demnächst einen Artikel der Lausitzer Autorin Irene Teichmann.