Denn wo heute Irak liegt, war in der Antike Mesopotamien - eine der frühesten Zivilisationen Vorderasiens und ein Zentrum christlicher, jüdischer und moslemischer Geschichte. Hier erfanden die Sumerer das Rad und entwickelten ihre Keilschrift. Etwa 10 000 historische Stätten gibt es nach Schätzungen von Archäologen in der Region; die meisten sind noch gar nicht erforscht. Bis ins fünfte Jahrtausend vor Christus reichen manche Kulturgüter zurück.
Um dieses unschätzbare Erbe im Falle eines Krieges schützen zu können, hat die US-Regierung bereits vor Wochen dutzende Wissenschaftler damit beauftragt, eine Karthographie des einstigen Mesopotamiens zu erstellen. Eine Mammutaufgabe - und ein Rennen gegen die Zeit. Das Gebiet zwischen den Flüssen Tigris und Euphrat strotzt nur so vor Hinterlassenschaften aus der Zeit der Babylonier, Chaldäer, Sumerer und Semiten, die hier alle angesiedelt waren: Ur, Babylon, Kisch, Larsa, Ninive und Nippur gehörten zu den bedeutendsten Städten ihrer Zeit. Wenn hier Bomben fielen, ginge es nicht nur um "das Erbe einer kleinen Nation, sondern um das des größten Teils der modernen Welt, einschließlich der USA", warnen die Vorsitzenden des US-Rates für Kulturpolitik und des US-Verbandes der Direktoren der Kunstmuseen, Ashton Hawkins und Maxwell Anderson.
Vertreter des Pentagon, des US-Außenministeriums und einige frühere Diplomaten stellten deshalb schon im Herbst eine Expertenkommission aus Orientalisten und Archäologen zusammen, die ihnen eine Übersicht der Kulturschätze in Irak liefern soll. Die US-Regierung wolle auf jeden Fall vermeiden, mit den afghanischen Taliban verglichen zu werden, die im Frühjahr 2001 die beiden berühmten Buddha-Statuen von Bamijan gesprengt hatten, sagt der Islamforscher Charles Butterworth von der Universität von Maryland. Seit Anfang November leitet Butterworth gemeinsam mit dem Archäologie-Professor MacGuire Gibson von der Universität Chicago die Forschungskommission. Mittlerweile haben sich 40 Uni-Wissenschaftler dem Team angeschlossen und arbeiten an einer Kartographie aller archäologischen Stätten in Irak. Dafür gleichen sie Karten vom alten Mesopotamien mit heutigem Material ab und stützen sich auf archäologische Forschung seit dem 19. Jahrhundert.
Nicht nur die Zahl der historischen Stätten ist überwältigend. Erschwerend kommt hinzu, dass irakische Veröffentlichungen häufig unpräzise oder gar falsch sind, wie Butterworth beklagt. So mancher Wissenschaftler hat bereits resigniert. So liegt das Museum von Bagdad, das einen Teil der antiken Fundstücke beherbergt, ganz in der Nähe des irakischen Fernsehsenders, vermutlich eines der Hauptziele des US-Militärs.
Natürlich gebe es mittlerweile eine ausgeklügelte Rüstungstechnik und die so genannten intelligenten Bomben, sagt beispielsweise Josh Keller, Militärexperte des Verbandes Amerikanischer Forscher. Doch diese Technik funktioniere nur, wenn Bodeneinsatzkräfte die Ziele vorher genau markiert hätten. Angesichts der riesigen Zahl an antiken Stätten sei das "eine fast unmögliche Aufgabe". "Das Wichtigste ist, diese Stätten von unschätzbarem historischen Wert zu retten", mahnt Butterworth dennoch unermüdlich.
Und die Kultur-Hüter Hawkins und Anderson erinnern an den legendären US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower. Vor der Landung der Alliierten in der Normandie 1944 habe der damalige Oberbefehlshaber der Streitkräfte in Europa die US-Truppen ermahnt, die europäischen Denkmäler zu erhalten, denn diese stünden für "die Welt, für die wir kämpfen".