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| 02:39 Uhr

Babyboom erfreut die Lausitz

Novalis hat einmal gesagt, ein Kind ist sichtbar gewordene Liebe. Gemessen an den deutlich gestiegenen Geburtenzahlen, muss auch in der Lausitz viel, viel Liebe sein.
Novalis hat einmal gesagt, ein Kind ist sichtbar gewordene Liebe. Gemessen an den deutlich gestiegenen Geburtenzahlen, muss auch in der Lausitz viel, viel Liebe sein. FOTO: Fotolia
Cottbus. Die Geburtsstationen in Lausitzer Krankenhäusern hatten im zurückliegenden Jahr alle Hände voll zu tun. Nach den veröffentlichten Zahlen gab es in 2016 den stärksten Babyboom seit der Wiedervereinigung. Experten halten die Entwicklung jedoch nur für eine vorübergehende Trendwende. Daniel Friedrich

In der Lausitz werden wieder mehr Kinder geboren. Dies geht aus den aktuellen Statistiken der Krankenhäuser zwischen Hoyerswerda und Lübben hervor. Demnach stieg die Zahl der Geburten auf Lausitzer Entbindungsstationen 2016 um durchschnittlich acht Prozent im Vergleich zum Vorjahr an. Damit liegt die Region im landesweiten Trend. Denn in nahezu allen Brandenburger Geburtskliniken konnten 2016 mehr Entbindungen verzeichnet werden als im Jahr zuvor. Insgesamt bleibt die Zahl der Babys in Brandenburg jedoch seit Mitte der Jahrtausendwende relativ stabil (siehe Grafik). Die Sachsen können einen positiveren Trend feststellen: Seit Mitte der 1990er-Jahre werden im Freistaat jährlich mehr Kinder geboren. Außerdem führt Sachsen seit Jahren die Geburtenrate, also die Zahl der Kinder pro Frau, im bundesweiten Vergleich an.

Den stärksten Geburtenzuwachs konnte die Lausitz Klinik in Forst verzeichnen. Hier stieg die Zahl der Entbindungen von 408 auf 475 an, das entspricht einer Steigerung von 16 Prozent. Ein Teil dieses Anstiegs könnte auf die Sanierung der Geburtsstation im Jahr 2015 zurückzuführen sein. Im Seenland Klinikum Hoyerswerda wurden 2016 so viele Geburten wie seit 15 Jahren nicht mehr gezählt.

Familienfreundliche Situation

Diese Entwicklung spiegle sich auch in den deutschlandweiten leicht angestiegenen Geburtenzahlen wieder, sagt Martin Bujard vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung: "Der Ausbau der ganztägigen Kinderbetreuung und die verbesserte ökonomische Situation am Arbeitsplatz sorgen dafür, dass sich wieder mehr Paare für Kinder entscheiden", so der Familienforscher. Die Kombination aus einem vorhanden Kinderbetreuungsplatz und wenig Angst vor Arbeitslosigkeit oder finanziellen Einbußen wegen einer Schwangerschaft bestärke die Menschen in ihrem Kinderwunsch. Einen Zusammenhang zwischen der Erhöhung des Kindergeldes und mehr Geburten könne der Wissenschaftler aber nicht feststellen. Zudem gäbe es kulturelle Gründe, die auf die Anzahl der in Deutschland geborenen Babys Einfluss haben: "Deutsche sehen eine Familie mit zwei Kindern als Norm an und daran orientiert sich unsere Gesellschaft", meint Martin Bujard. Das unterstreichen auch Zahlen, die er für Frauen berechnet hat, die das gebärfähige Alter bereits überschritten haben: So bekamen 25 Prozent der Frauen nur ein Kind, 38 Prozent hatten zwei Kinder und 16 Prozent entschieden sich für drei und mehr Kinder. Damit ist die Geburtenrate im internationalen Vergleich sehr niedrig. Kinderlosigkeit kommt in Ostdeutschland (16 Prozent) zwar seltener vor als in Westdeutschland (22 Prozent). Jedoch bekommen im Osten deutlich mehr Frauen nur ein Kind.

Fortschritte in den Bemühungen der Politik, berufstätige Mütter zu unterstützen, nehmen auch die Hebammen in Brandenburg wahr. "Jedoch gibt es im Land einen relativen Mangel an Hebammenbetreuung, weil immer Mütter nach der Geburt immer zeitiger aus den Kliniken entlassen werden", sagt Martina Schulze, die Vorsitzende des Hebammenverbandes Brandenburg. So müssten sich die Hebammen heute deutlich länger und intensiver um Mutter und Kind kümmern, als noch vor zehn Jahren.

Eltern aus DDR-Endjahren

Die Brandenburger Landesregierung führt die positive Entwicklung auf eine geburtenstarke Elterngeneration zurück, die zum überwiegenden Teil noch vor 1990 geboren wurde. So kamen beispielsweise 1988 in den damaligen DDR-Bezirken Cottbus, Frankfurt und Potsdam insgesamt 38 000 Kinder zur Welt - etwa doppelt so viele wie heute. Diese Menschen sind heute ungefähr 30 Jahre alt und befinden sich damit im aktuellen Durchschnittsalter für die Geburt des ersten Kindes. Nur wenige Jahre später, im Jahr 1993, erlebte Brandenburg mit 12 200 Geburten den bisherigen Tiefststand. Deshalb sei laut Landesregierung davon auszugehen, dass bereits in wenigen Jahren die künftigen Elterngenerationen nur ein Drittel bis halb so stark sein werden, wie die heutigen.

Noch liegen die offiziellen Geburtszahlen für 2016 wegen technischer Verzögerungen nicht den Statistikämtern vor. Jedoch deuten die veröffentlichten Daten der Krankenhäuser darauf hin, dass die für die Bevölkerungsprognose errechneten Geburtszahlen überstiegen werden.

Von einem Bevölkerungswachstum kann angesichts der jüngsten Entwicklung dennoch keine Rede sein. Denn die Zahl der verstorbenen Einwohner in der Lausitz liegt seit Jahren deutlich über der der neugeborenen. In Brandenburg ergab sich 2015 so ein natürlicher Bevölkerungsrückgang von 11 638 Menschen. In Sachsen war es ein Minus von 18 001 Einwohnern.

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