Als die 41-jährige Polin ins Breslauer Universitätsklinikum eingeliefert wurde, war sie in der 17. Woche schwanger - und fast tot. Denn der inoperable Hirntumor drückte mehr und mehr die Blutversorgung des Hirns ab. Die Frau verlor das Bewusstsein, reagierte auf keinerlei Reize mehr und hörte auf zu atmen.

Die Ärzte schlossen die Schwangere an lebenserhaltende Maschinen an und berieten mit Familienmitgliedern, Hebammen und Spezialisten auf der ganzen Welt, wie lange ein Kind sich im Leib einer Hirntoten weiterentwickeln könnte und ob es überhaupt eine Überlebenschance haben würde. Vor zwei Tagen kehrte der Vater mit dem inzwischen drei Kilo schweren Sohn aus der Klinik nach Hause zurück.

"Wir hatten keinerlei Erfahrung, wie lange man eine schwangere Hirntote mit Maschinen am Leben halten kann, um deren Kind zu retten", erklärt Professor Andrzej Kübler (70), der Direktor der Abteilung Anästhesiologie und Intensivtherapie.

"Bevor wir das Kind per Kaiserschnitt holen konnten, musste es sich mindestens noch bis zur 25. oder 30. Schwangerschaftswoche im Leib der Mutter entwickeln", setzt Prof. Barbara Krolak-Olejnik von der Abteilung Neonatologie hinzu.

Sie habe Fachpublikationen zu Frühgeborenen gelesen, die von einem Tag bis zu drei Monaten im Leib der hirntoten Mutter waren. "Aber keines dieser Kinder war so klein und unterentwickelt wie in unserem Fall." Nach intensiver Beratung entschieden die Ärzte, das fast unmöglich Erscheinende zu wagen und das Leben des Kindes zu retten. Auf der Intensivstation sorgte ein Respirator für die regelmäßige Atmung der Mutter, eine Maschine half dem Herzen, weiterhin Blut durch den Körper zu pumpen, Leber- und Nierenfunktion wurde mithilfe von Apparaten aufrecht erhalten.

"Doch wenn das Hirn tot ist und als Steuerungsorgan ausfällt, kommt es immer wieder zu Fehlfunktionen im Körper", erläutert Kübler. "Mal fällt der Blutdruck dramatisch ab, mal steigt der Blutzucker zu stark - wir mussten die Körperfunktionen Minute für Minute analysieren und gegebenenfalls gegensteuern." Am Bett der Hirntoten wachten Tag und Nacht Krankenschwestern und -pfleger sowie der Ehemann und künftige Vater.

In der 27. Schwangerschaftswoche fiel der Pulsschlag im Körper der Mutter trotz der Maschinen immer stärker ab, so dass das Kind mit Kaiserschnitt geholt werden musste. Es wog gerade mal 1000 Gramm, konnte weder selbstständig atmen noch Milch zu sich nehmen oder verdauen. Nun begann der Kampf um das Leben des kleinen Macius im Brutkasten. Ein ärztliches Konsilium bestätigte den Hirntod der Mutter nun auch formal, sodass die lebenserhaltenden Apparate abgeschaltet werden konnten und die Organe direkt danach aufhörten zu arbeiten.

Drei Monate blieb das Frühchen noch im Krankenhaus. Heute atmet das Kind selbstständig, trinkt aus der Flasche und scheint gesund zu sein. "Großen Eindruck machte auf mich der Ehemann und Vater, der das alles sehr tapfer ertragen hat und sich dann auch aktiv in der Pflege engagierte", sagt Prof. Kübler. "Ob der Kleine ohne den Vater überlebt hätte, der ihm auch Mutter war - wir wissen es nicht. Maschinen können nicht alles."