Wie ein Blitz schießt ein Schatten aus dem Gebüsch auf die Straße. Der Wolf, ein junges Tier, will die ungeschützte Fläche so schnell wie möglich überqueren, um wieder im Dickicht unterzutauchen. Zu spät bemerkt er das nahende Auto. Der Fahrer reißt die Augen auf - mehr Zeit bleibt nicht bis zum Aufprall. Am 18. Oktober ist erneut ein Lausitzer Wolf bei solch einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen - der achte seit 2007. Das Besondere: Alle Unglücke ereigneten sich auf der B 156 zwischen Weißwasser und Boxberg. Neben Wölfen laufen Autofahrern hier nach wie vor überdurchschnittlich häufig Wildschweine und Rehe vor den Kühler. Das Resultat: Totalschäden, verendete Wildtiere und zwei leicht verletzte Menschen innerhalb der letzten zwei Jahre.

Zwar hat das zuständige Straßenbauamt Bautzen bereits im Jahr 2009 drei Warnschilder aufgestellt, um Autofahrer auf den Unfallschwerpunkt hinzuweisen. Offensichtlich bleibt der gewünschte Erfolg dieser Maßnahmen aber aus.

Die Polizeidirektion Oberlausitz-Niederschlesien jedenfalls hat im betroffenen Streckenabschnitt von Januar bis September in den letzten Jahren jeweils mehr als 50 Wildtierunfälle mit Autos gezählt. Weitere konkrete Sicherheitsmaßnahmen an der Strecke sind laut Straßenbauamt dennoch nicht geplant. Die Leiterin des zuständigen Straßenverkehrsamts Görlitz, Angelika Voigt, erklärt, dass die Entscheidungsgremien "noch im Gespräch" seien und "das Ganze eine Weile dauert".

Dabei stehen seit Jahren realisierbare Ideen im Raum, um die Gefahr auf der B 156 zwischen Weißwasser und Boxberg für Mensch und Tier zu mindern. Helene Möslinger vom Kontaktbüro "Wolfsregion Lausitz" in Rietschen etwa schlägt eine Art Schutzstreifen am Straßenrand vor. "An manchen Stellen grenzt die B 156 direkt an den Wald", erklärt sie. "Wenn dort ein paar Meter Gebüsch oder Bäume gerodet würden, hätten Autofahrer und Tiere mehr Zeit, um zu reagieren."

Diesen Vorschlag unterstützt auch Ilka Reinhardt vom Wildbiologischen Büro Lupus. Sie hält es außerdem für möglich, die gefährdeten Teilstrecken der B 156 zu umzäunen. Allerdings wäre dann an anderer Stelle ein Übergang notwendig - irgendwo müssten die Tiere schließlich über die Straße gelangen.

Todesstraße im Revier

Denn das Nochtener Wolfsrudel hat Gebiete auf beiden Teilen der Bundesstraße als sein Revier auserkoren. Der Ursprung dafür liegt bereits gut sechs Jahre zurück. Die als "einäugige Wölfin" bekannte Anführerin des Rudels ließ sich damals auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz und dem Tagebau Nochten nieder.

Dass mitten durch ihr Revier eine viel befahrene Straße führt, fordert seither ihren Tribut. Fünf der acht durch Verkehrsunfälle auf der B 156 verendeten Wölfe sind Jungtiere. Daraus schließt Ilka Reinhardt vom Büro Lupus, dass die erwachsenen Tiere den Umgang mit den schnellen Autos gelernt haben. "Aber so viel Grips, diese Erfahrung an die Welpen weiterzugeben, haben Wildtiere dann doch nicht", erklärt sie.

Die Welpen des Rudels würden sogar häufig nur wenige hundert Meter von der Bundesstraße entfernt auf ihre Eltern warten und schlafen, solange diese auf Beutezug seien.

Welpen, Beute, Wolfsheimat

"Wenn sie dann plötzlich im Schlaf aufschrecken, flüchten sie manchmal wie von Sinnen." Das erklärt, warum die meisten Wölfe auf der B 156 bisher bei Unglücken am helllichten Tag ums Leben kamen. "Den Autofahrern bleibt oft überhaupt keine Chance zur Reaktion", sagt Reinhardt.

Wenn die Menschen also die B 156 nicht ausreichend sichern - könnten die Wölfe ihr Revier verlassen, zum Beispiel nur auf einer Seite der Straße leben? "Wie soll man den Wölfen das erklären, warum sollten sie das machen?", fragt Helene Möslinger vom Kontaktbüro "Wolfsregion Lausitz". "Das Rudel wählt seinen Lebensraum so aus, dass es ausreichend Beute findet und Ruhe für die Welpenaufzucht hat. Diese Bedingungen sind nun mal zu beiden Seiten der B 156 gegeben."

Zum Thema:

Schutz vor Wildunfällen: Uwe Horbaschk, Kriminalhauptkommissar bei der Polizeidirektion Oberlausitz in Görlitz, rät: "Fahren Sie auf Straßen in Wäldern besonders vorsichtig und stets vorausschauend. Sie sollten die Geschwindigkeitsbegrenzung unbedingt beachten, um Reaktions- und Bremsweg so gering wie möglich zu halten. Sollten Sie dem Tier trotzdem nicht ausweichen können, ist Folgendes wichtig: Halten Sie das Lenkrad fest und bremsen Sie geradeaus. Versuchen Sie nicht, dabei auszuweichen."