Damit dürfte zumindest das erste Nadelöhr der Verbindung zwischen Chemnitz und Leipzig, die bislang aus der völlig überlasteten Bundesstraße 95 besteht, entschärft sein. Heute staut sich zwischen Chemnitz und Hartmannsdorf tagtäglich der Verkehr, Unfälle sind keine Seltenheit. Wenn das Wetter mitspielt, heißt es im Autobahnamt Sachsen, werde auch der zweite Teil des ersten Bauabschnitts bis Niederfrohna noch in diesem Jahr eingeweiht. Dann wären elf Kilometer der A 72 fertig, nicht einmal ein Sechstel der Gesamtstrecke zwischen den beiden sächsischen Großstädten.

Unerträgliche Belastung
Für den Chemnitzer Ortsteil Röhrsdorf ist die Fortführung der A 72 Segen und Fluch zugleich. Denn an der B 95 ist die Verkehrsbelastung für die Anwohner nahezu unerträglich geworden, die Forderung nach der neuen Fernstraße deshalb folgerichtig. Doch wer bisher in beschaulicher Dorflage lebte, muss sich nun mit einer Autobahnbrücke über das Pleißbachtal abfinden - vom Verkehrslärm noch gar nicht zu sprechen. Nach Angaben des Regierungspräsidiums Chemnitz gab es vier Klagen zu diesem Teilstück, die bis vor das Bundesverwaltungsgericht gingen. Drei davon wurden abgewiesen, in einem Fall erhielt der Kläger Recht.
Röhrsdorfs Ortsvorsteher Jürgen Konrad (FDP) geht davon aus, dass sich die Gemüter unterdessen beruhigt haben. Auch Bäckermeister Jörg Hering nimmt es inzwischen gelassen, dass sein Anwesen jetzt neben der Autobahnbrücke liegt. "Die meisten haben sich langsam damit abgefunden. Wir können doch nicht alle abhauen", sagt der 38-Jährige. Als Autofahrer benutze er auch Brücken und frage nicht, wie es den Anwohnern dort geht. Jedoch habe er weder Lärmschutzfenster noch einen Zuschuss für die Außenrenovierung des durch die Bauarbeiten verschmutzten Hauses erhalten.
Bis zum Jahresende verspricht das Regierungspräsidium Chemnitz auch den Abschluss des Planfeststellungsverfahrens und damit Baurecht für den nächsten Autobahnabschnitt bis Rathendorf bei Penig. Alles andere liegt dann nicht mehr im Verantwortungsbereich dieser Behörde. "Es gibt hier niemanden, der diese Autobahn ernsthaft infrage stellt", sagt Behördensprecher Olaf Weiß. Im Regierungsbezirk Leipzig seien allerdings noch viele "Hausaufgaben" zu machen.

Ortsumgehung Borna fertig
Dort ist seit September lediglich die Ortsumgehung Borna der B 95 fertig. Sie soll in die Neubautrasse integriert werden. Das Planfeststellungsverfahren für den südlichen Abschnitt bis Rathendorf soll voraussichtlich 2007 abgeschlossen werden. Genauer will sich das Regierungspräsidium nicht festlegen. Für die Abschnitte von Borna bis zur neuen Leipziger Südumfahrung A 38 lägen noch keine Unterlagen zur Prüfung vor, heißt es. Armin Reck, Sprecher des Autobahnamtes, räumt gar ein, dass das nahtlose Planen und Bauen nie beabsichtigt gewesen sei.
Das ist Wasser auf die Mühlen aller Skeptiker, die mit solchen Verzögerungen schon bald nach dem Baustart im November 2003 gerechnet hatten. Damals hatten Bund und Freistaat eine durchgängige Trasse zwischen Chemnitz und Borna bis zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Aussicht gestellt. Nicht nur Kommunalpolitiker und Wirtschaftsvertreter in Südwestsachsen befürchten inzwischen, dass die Verlängerung der A 72 noch lange Stückwerk bleiben könnte.