Die Parlamentswahl in der Ukraine soll mehr Stabilität in der Ex-Sowjetrepublik bringen. Doch das Chaos könnte kaum größer sein: Im Osten, wo Regierungstruppen gegen prorussische Separatisten kämpfen, können die Menschen kaum abstimmen. Die Ukraine sieht sich zudem von Russland wegen unbezahlter Gasrechnungen in Milliardenhöhe unter Druck. Die RUNDSCHAU beleuchtet die Lage.

Warum kommt es überhaupt zu Neuwahlen?
In der schlimmsten Krise seit der Unabhängigkeitserklärung der Ukraine 1991 hofft Präsident Petro Poroschenko auf mehr politische Stabilität. Der prowestliche Staatschef will sich vor allem ein starkes Mandat für angekündigte Reformen geben lassen. Rein formell waren Neuwahlen möglich geworden, weil nach einem Bruch der Regierungskoalition in Kiew kein neues Bündnis innerhalb eines Monats geschmiedet wurde.

Kann in der Kampfzone Ostukraine überhaupt gewählt werden?
In einem Teil der Unruheregion findet die Parlamentswahl nicht statt. Die Wahlleitung in Kiew schätzt, dass von den rund fünf Millionen Wahlberechtigten im umkämpften Osten fast die Hälfte nicht teilnehmen kann. Von den 32 Direktabgeordneten können nur 18 neu gewählt werden, weil ihre Kreise unter Regierungskontrolle stehen. Die Aufständischen haben betont, dass sie die Abstimmung in den Separatistenhochburgen Donezk und Lugansk nicht zulassen. Sie planen eigene Wahlen am 2. November - die international kritisiert werden.

Können Ukrainer auf der von Russland einverleibten Krim wählen?
Krim-Bewohner können ihre Stimme nur im Kernland abgeben. Die moskautreuen Behörden der Schwarzmeerhalbinsel lassen nicht zu, dass die Wahl auf ihrem Gebiet stattfindet. Wegen der Annexion werden zwölf Sitze im ukrainischen Parlament, die für Abgeordnete der Krim bestimmt sind, daher vorerst nicht besetzt.

Wer hat die besten Siegchancen?
Als Favorit gilt die Präsidentenpartei Petro-Poroschenko-Block. Sie kann nach Umfragen mit mehr als 30 Prozent rechnen. Spitzenkandidat ist Ex-Boxchampion Vitali Klitschko - allerdings hat der jetzige Bürgermeister von Kiew angekündigt, das Rathaus nicht gegen das Parlament zu tauschen. Zweitstärkste Kraft könnte die Radikale Partei von Oleg Ljaschko werden. Mit bis zu zehn Prozent können die Volksfront von Regierungschef Arseni Jazenjuk und die Vaterlandspartei von Ex-Ministerpräsidentin Julia Timoschenko rechnen. Möglicher Koalitionspartner von Poroschenko ist Jazenjuk, aber auch Ljaschko.Wird alles sauber verlaufen oder sind Fälschungen zu erwarten?
In der Ukraine waren Wahlen von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) stets als frei und fair anerkannt worden. Auch dies unterscheidet das Land von fast allen Ex-Sowjetrepubliken. Verbreitet sind aber Stimmenkauf sowie Druck von Behörden und Arbeitgeber.