Am Vortag hatte die Zeitung auf Berufung eines hohen Ministerialbeamten berichtet, es gebe Anzeichen für einen Mord im staatlichen Auftrag. Im Rahmen der weiteren Ermittlungen sollen Untersuchungsbeamte diese Woche nach Moskau und Rom reisen.
In seinem letzten langen Interview vor seinem Tod am Donnerstag äußerte der Putin-Kritiker Litwinenko laut "Sunday Times" den konkreten Verdacht, dass er vom russischen Geheimdienst beobachtet werde. Zuständig für seinen Fall sei ein gewisser Viktor Kirow gewesen. Der Zeitung zufolge arbeitete bis Ende 2005 ein Mann namens Anatoli V. Kirow an der Londoner Botschaft. Die Anti-Terror-Polizei beantragte die Herausgabe des Interviewtextes für die Ermittlungen.
Die britische Polizei ging nach Angaben des Boulevardblatts "The Sun" davon aus, dass der Mörder am 1. November Litwinenkos Essen in der Sushi-Bar "Itsu" nahe dem Picadilly Circus vergiftete. Litwinenko hatte dort den italienischen Informanten Mario Scaramella getroffen, der ihm Unterlagen für die Recherche des Mordes an der Kreml-kritischen Journalistin Anna Politkowskaja übergab. Der Geheimdienst- und Nuklearexperte, der laut "Mail on Sunday" auf die Suche nach Atommüll und ausrangierten Kernwaffen aus der Sowjetzeit spezialisiert ist, bestreitet eine Verwicklung in die Tat vehement und bot der Polizei seine Mitarbeit an.
Nach Scaramella traf der ehemalige Agent zwei Landsleute in einer Hotel-Bar, in der ebenfalls Spuren von radioaktivem Polonium 210 gefunden wurden, die auch in Litwinenkos Körper nachgewiesen wurden. Die Gesundheitsbehörden riefen alle Gäste der beiden fraglichen Orte auf, sich untersuchen zu lassen. Litwinenkos Frau wurde einem Zeitungsbericht zufolge bereits negativ auf Polonium getestet.
London ersuchte in Russland offiziell um Mithilfe bei der Aufklärung des mysteriösen Todesfalls. Das höchste britische Sicherheitsgremium, das Cobra-Komitee, kam am Samstag erneut zusammen, um die Litwinenko-Affäre zu diskutieren. Außenamts-Mitarbeiter Kim Howells deutete an, dass die Ermittlungen ernsthafte diplomatische Konsequenzen haben könnte. "Wenn britische Staatsbürger in Großbritannien von Ausländern ermordet werden, schauen sie (Cobra) sehr genau hin", zitierte die "Sunday Times" Howells. Litwinenko hatte nach seiner Flucht nach Großbritannien vor sechs Jahren die britische Staatsbürgerschaft beantragt.
Nach einem Bericht von "The Independent on Sunday" geht die Polizei auch der Theorie nach, dass Litwinenko sich selbst radioaktiv verstrahlt haben könnte, um den russischen Präsidenten Wladimir Putin zu diskreditieren. (AFP/kr)