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| 01:00 Uhr

Aus Stunden können Tage werden

Die Freilassung des im Jemen entführten früheren Staatssekretärs Jürgen Chrobog und seiner Familie zieht sich gestern Abend hin. Von Kristina Dunz

Kurz vor 19 Uhr deutscher Zeit hatte ein jemenitischer Regierungsvertreter erklärt: "Eine Gruppe der Stammesführer ist jetzt bei den Geiseln und wir erwarten, dass sie in wenigen Minuten freigelassen werden". Zuvor hätten die Regierung und die Stammesführer eine Vereinbarung getroffen. "Jetzt laufen intensive Bemühungen, einige junge Männer davon zu überzeugen", der Vereinbarung zuzustimmen, sagte der Regierungsvertreter.

Steinmeier setzte eine Frist
Am Donnerstag hatte es für Medien und Behörden im Jemen noch den Anschein, dass der dort entführte frühere Außenstaatssekretär Jürgen Chrobog und seine Familie in Kürze wieder frei sein würden. Doch aus Stunden können Tage werden. Das Auswärtige Amt in Berlin mahnte sogleich, es sei wenig hilfreich, den Abschluss der Verhandlungen mit den Entführern festzulegen. Dann setzte Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) überraschend selbst eine Frist und sagte eine Freilassung vor Jahresende voraus.
Sorge bereitete in Berlin der Bericht der Zeitung "Yemen Observer", wonach Soldaten in der Nacht den Aufenthaltsort der Geiseln eingekreist haben und die Kidnapper mit der Verschleppung der Familie an einen anderen Ort drohten. Solche Situationen können außer Kontrolle geraten.
Chrobog persönlich telefonierte mittags mit einer Korrespondentin der ARD in Kairo. Es gehe ihm und seiner Familie gut, sagte er, wollte sich aber nicht weiter äußern. Als Staatssekretär im Auswärtigen Amt hatte Chrobog viele Krisenstäbe in Entführungsfällen geleitet und Betroffenen dringend empfohlen, keine Interviews zu geben, um die Verhandlungen mit den Entführern nicht zu gefährden.
Nach Einschätzung des Traumaexperten Christian Lüdke erlebt Chrobog trotz seiner Erfahrungen mit Entführungsfällen als Unterhändler seine Geiselnahme wie jeder andere Entführte. Viele Betroffene hätten Todesangst und gerieten in die Gefahr des Kontrollverlustes. Möglicherweise werde Chrobog aber nach seiner Freilassung eine etwas bessere Bewältigungsstrategie haben.
Die jüngsten Geiselnahmen im Jemen gingen glimpflich aus. Meistens ging es den Entführern darum, im Gefängnis sitzende Mitglieder der eigenen Familie freizupressen. Auch Chrobogs Entführer des Stammes der Abdallah verlangen die Freilassung von fünf Stammesangehörigen, die im Gefängnis sitzen. Als Kompromiss sollen sie vorgeschlagen haben, fünf Mitglieder des rivalisierenden Stammes der Riad zu inhaftieren. Davon versprechen sie sich einen fairen Prozess für beide Parteien. Zwischen den Stämmen geht es um eine Blutfehde.

Verständnis für Entführer
Bei den drei Entführungen westlicher Touristen im Jemen seit August wurden die Geiseln häufig nach wenigen Stunden oder Tagen wieder freigelassen, so zuletzt einen Tag vor Weihnachten ein österreichisches Paar. Der 52-Jährige und die 31-Jährige berichteten, sie seien gut behandelt worden. Sie seien nachts stundenlang mit ihren Entführern zu Fuß unterwegs gewesen.
"Es war ein herrlicher Sternenhimmel, ein Erlebnis", berichtete der Mann. Er zeigte Verständnis und Wohlwollen für die Entführer: Die Menschen litten unter großer Armut und täten ihm Leid. Das Paar wollte seine Reise im Jemen fortsetzen.
Einen Tag nach der Freilassung der Österreicher traten die Chrobogs ihre Reise durch den märchenhaften Jemen an, aus der für sie ein Schrecken der Entführung wurde.