Viele Minen, Handgranaten sowie Panzer hat Michael Thamke schon zerlegt. Am Mittwoch steht der Arbeiter in einer Werkhalle in Pinnow (Uckermark) im Blaumann an einer etwa zweieinhalb Meter langen Rakete, löst die Schrauben, hievt den Gefechtskopf auf einen Wagen - und macht damit die letzte deutsche Streumunition unschädlich. "Das ist schon was Besonderes", sagt Thamke, bleibt dabei aber ganz cool. Insgesamt etwa 50 000 Tonnen gefährlicher Streumunition hat die Bundeswehr in den vergangenen 14 Jahren von Spezialunternehmen in Brandenburg und Sachsen-Anhalt vernichten lassen. Knapp 45 Millionen Euro hat das nach Angaben des Verteidigungsministeriums gekostet. Die letzte Rakete wird nun in der Munitionsentsorgungsfirma Nammo Buck in Pinnow zu Schrott verarbeitet.

"Circa 25 Prozent des Umsatzes generieren wir aus dem Verkauf dieser Wertstoffe", so Geschäftsführer Christoph Rüssel. Die Firma liegt etwa 100 Kilometer nördlich von Berlin nahe der polnischen Grenze und gehört zur skandinavischen Nammo-Gruppe, die nicht nur Munition vernichtet, sondern auch herstellt.

Seit den 1970er-Jahren wurden in Pinnow Raketen der Nationalen Volksarmee der DDR (NVA) gewartet, später auch gebaut. Etwa 160 000 Tonnen Munition der NVA und der früheren sowjetischen Armee wurden in den 90er-Jahren vernichtet. In der vergangenen Zeit hatte das Unternehmen vor allem Streumunition auf dem Tisch.

Die Bundeswehr verfügte im Kalten Krieg über ein großes Arsenal dieser Munition, die als besonders heimtückisch gilt. Viele Blindgänger bleiben zurück, immer wieder greifen Kinder nach den Einzelteilen, weil sie sie für Spielzeug halten. "Schätzungsweise 98 Prozent der Opfer sind Zivilisten", sagt Susanne Baumann, stellvertretende Beauftragte der Bundesregierung für Fragen der Abrüstung und Rüstungskontrolle im Auswärtigen Amt.

Dass Deutschland seine "massiven Streubombenbestände" nun vernichtet hat, sieht Eva Maria Fischer von Handicap International als "wichtiges Symbol". Ihre Organisation kämpft schon seit Jahren gegen diese "menschenverachtenden Waffen". Einen erlaubten Restbestand behält die Bundeswehr zu Ausbildungszwecken.

Etwa 100 Länder ächten bisher in dem "Oslo-Übereinkommen" Streumunition. Erst jüngst kritisierte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch aber, dass im syrischen Bürgerkrieg russische Streumunition eingesetzt worden sein soll.

Laut dem "Cluster Munition Monitor 2015" haben fast 30 Vertragsstaaten bisher zusammen etwa 1,3 Millionen Streubomben mit rund 160 Millionen Teilen Submunition zerstört. Der Anteil Deutschlands an der vernichteten Munition sei am größten, so Waffenexpertin Mary Wareham von Human Rights Watch in New York. Im Kalten Krieg besaß die Bundesrepublik - genau an der Schnittstelle zwischen Ost und West gelegen - etwa eine halbe Million Behälter mit Streumunition. Sie enthielten mehr als 60 Millionen Stück explosiver Submunition. Zum Einsatz sei sie aber nie gekommen, betonen Auswärtiges Amt und Verteidigungsministerium.

Zum Thema:
Streumunition ist besonders heimtückisch. Sie verteilt kleinere Sprengkörper über weite Flächen. Häufig bleiben diese als Blindgänger zurück. Da diese Submunition sehr klein ist, ist sie nur schwer zu entdecken. Oft wird sie mit Spielzeug verwechselt. In einem völkerrechtlichen Vertrag wird Streumunition bisher von etwa 100 Ländern geächtet, dazu gehört auch Deutschland. Bisher nicht beigetreten sind etwa Russland, die USA sowie China.