In ihrer weißen Jacke saß Gabi G. (53) Minuten vor Verhandlungsbeginn im Pascal-Prozess fast alleine auf der großen Anklagebank. Vor sich hatte die gelernte Verkäuferin einen in Klarsichtfolie verpackten Blumenstrauß, den sie später fast schüchtern auf dem Fußboden versteckte. Die Angeklagten, acht Männer und vier Frauen, waren für Glückwünsche und Gratulationen zu den nicht unerwarteten Freisprüchen gerüstet.

Seit Juni 2006 wieder auf freiem Fuß
Rückblende: Vor fast drei Jahren, am 20. September 2003, wirkte Gabi G. - wie die meisten der damals noch 13 Angeklagten - unbeholfen, eingeschüchtert und extrem verunsichert, als sie aus dem Haftraum ins Blitzlichtgewitter und Kameralicht in den Schwurgerichtssaal geführt wurde. Polizisten und Justizbeamte postierten sich im Rücken der Angeklagten. So war es auch gestern, allerdings ist die "Tosa-Gemeinschaft" - damit meinte der Staatsanwalt die Angeklagten - spätestens seit 12. Juni 2006 auf freiem Fuß. Nur Martin R. (45) hielt es in Freiheit nicht lange aus. Er ist zwischenzeitlich rechtskräftig wegen anderer Delikte verurteilt.
Von einem "Vorurteil" sprechen Prozessbeobachter in dem Mammut-Prozess in Zusammenhang mit der Zwischenbilanz, die das Schwurgericht unter Vorsitz von Ulrich Chudoba im Juni 2006 abgegeben hat. Der dringende Tatverdacht gegen die Angeklagten wurde nicht mehr gesehen. Logische Konsequenz war die Aufhebung der Haftbefehle. Die Freilassung von Christa W. und deren Ex-Gästen und Kneipenbelegschaft erlebte ein früherer Tosa-Kunde nicht mehr: Karl-Heinz C., Vater von Pascal, saß an den ersten Verhandlungstagen wiederholt im Gerichtssaal unter den Zuhörern. Ein Anwalt vertrat Pascals Eltern auf der Nebenklagebank. Karl-Heinz C. starb am 1. Juli 2005 nach einer Schlägerei in einer Kneipe an einem Herzinfarkt. Pascals Mutter Sonja war gerade zwei Wochen zuvor am 14. Juni 2005 gestorben.
Auch ein Angeklagter in dem Mammut-Verfahren mit 148 Verhandlungstagen ist im Verlauf des Prozesses verstorben. Das Verfahren gegen den krebskranken Günter L. war im Oktober 2005 eingestellt worden.

Wendepunkt Widerrufenes Geständnis
Ein möglicher Wendepunkt in dem millionenteuren Prozess, an dem drei Profi-Richter, drei Schöffen, zwei Staatsanwälte sowie zeitweise 13 Verteidiger und fünf Anwälte auf der Nebenklagebank beteiligt waren, war der 31. August 2006. Nach der Sommerpause in Freiheit und einer Teestunde im Hause von Christa W. widerrief Andrea M. (43), leibliche Mutter von Pascals Spielkamerad Kevin, ihr Geständnis. Nach mehr als 400 Zeugenvernehmungen, den Gutachten von fünf Sachverständigen und Auswertung von rund 200 Aktenbänden und 15 umfangreichen Plädoyers fiel gestern dann das Urteil: Freispruch aus Mangel an Beweisen. Die Staatsanwaltschaft kündigte Revision beim Bundesgerichtshof (BGH) an.

Reaktion Ein schwarzer Tag
 Die Deutsche Kinderhilfe hat mehr Rechte für Kinder als Verbrechensopfer vor Gericht gefordert. "Unser Rechtssystem ist auf Kinder als Opfer oder Zeugen in Strafprozessen nicht hinreichend eingestellt", erklärte sie. " Es fehlt an Schwerpunktstaatsanwaltschaften sowie qualifizierten Richtern und Gutachtern." Die Freisprüche bedeuteten einen "schwarzen Tag". Wäre der Schlüsselzeuge der Anklage , Pascals Spielkamerad, von einem qualifizierten Richter vernommen und die Aussage in einem kindgerechten Videovernehmungszimmer aufgezeichnet worden, "wäre es den Verteidigern nicht gelungen, seine Glaubwürdigkeit nachträglich infrage zu stellen".