"Sie puhlen an den Steinen herum, bis sie sich lösen", sagt Günter Quiel. Er ist Vorsitzender des Fördervereins, der sich für den Wiederaufbau der Kirche einsetzt. Sie war einst das Herzstück der deutschen Kleinstadt - heute steht sie auf polnischem Grund. In Gubin.

Die Neiße fließt zwischen den beiden Kleinstädten, Brücken verbinden sie. Am Sonntag ist es 25 Jahre her, dass die DDR-Volkskammer und der Bundestag eine Erklärung zur endgültigen Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als polnische Westgrenze verabschiedeten. Grundlage war ein Abkommen, das nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen den Siegermächten in Potsdam vereinbart worden war. Wenn die Oder oder die Neiße mitten durch eine Stadt flossen, hieß das: Teilung. So erging es Frankfurt (Oder), Görlitz oder eben Guben. Das Stadtzentrum mit Kirche und Rathaus wurde Polen zugesprochen. Dort entstand Gubin.

Quiel läuft durch die riesige Kirchenruine. Im Krieg wurde das Gotteshaus zerstört. Heute wuchert an den Säulen und Fenstern der einstigen evangelischen Kirche das Unkraut. "Wir wollen mit diesem Gebäude vor Krieg und Zerstörung mahnen", sagt er. Er sieht nach oben, es gibt kein Dach. Die Vision des Fördervereins: Keine neue Kirche, sondern ein kulturelles Zentrum mit Bibliothek. Für Quiel ist klar: "Wir sind eine Stadt in zwei Ländern."

Die polnische Historikerin Beata Halicka sagt über das Potsdamer Abkommen der Siegermächte zur neuen Westgrenze Polens: "Es folgten erzwungene Migrationen, zum Teil sogar ein fast vollständiger Austausch der Bevölkerung."

Zu DDR-Zeiten habe es dann bereits kleine gemeinsame Projekte in der Grenzregion gegeben, etwa zwischen Schulen, erläutert die Wissenschaftlerin vom Deutsch-Polnischen Forschungsinstitut am Collegium Polonicum in Frankfurt (Oder)/Slubice. Oder Sommerlager. "Durch die politische Dominanz war es aber schwierig, offen miteinander zu sprechen", ergänzt Halicka, die das Buch "Polens Wilder Westen" über die Folgen der Zwangsmigrationen im Oderraum publiziert hat. Mit der Wende habe eine starke Veränderung eingesetzt. "In den 90er-Jahren wurde das Wort Versöhnung oft benutzt." Halicka erklärt: "Der Nachholbedarf war groß, die Grenze war offen, es gab einen Drang, sich zu versöhnen." Dann habe es auch verstärkt Initiativen der Bevölkerung gegeben, also nicht auf staatlicher Ebene. "Viele Deutsche, die mit der Grenzziehung umsiedeln mussten beziehungsweise vertrieben worden sind, kamen zu Besuch, weil sie ihre Städte, in denen sie einmal gewohnt hatten, wieder sehen wollten."

Mit dem EU-Beitritt Polens sei auch viel EU-Fördergeld in die binationale Zusammenarbeit geflossen. Die Kleinstädte Guben und Gubin präsentieren sich heute als Doppelstadt. "Wenn ich heute in Guben in ein Schuhgeschäft gehe, dann werde ich auf Polnisch begrüßt", beschreibt Gubins Bürgermeister Bartlomiej Bartczak das Verhältnis. Es gebe polnische Kinder, die in Guben zur Schule gehen, und binationale Seniorentreffen. "Die Zusammenarbeit ist selbstverständlich geworden", sagt Bartczak. Gemeinsam wolle man jetzt verstärkt Investoren anziehen, um junge Leute in der Region zu halten. Auch der amtierende Bürgermeister von Guben, Fred Mahro (CDU), sagt: "Die Grenze wird kaum noch wahrgenommen." Allerdings räumt er auch ein: "Die Sprachverständigung ist teilweise noch ein Handicap."

Die RUNDSCHAU berichtete vor Kurzem auf "Blick nach Polen" über das Engagement zum Wiederaufbau der Gubiner Kirche. Sie finden den Beitrag auf lr-online.de/polen