Zierlich, modebewusst und mädchenhaft wirkt die 42-Jährige. Quirlig, sprühend und so gar nicht museal. In Hoyerswerda (Kreis Bautzen) geboren, hatte Ute Baumgarten Kulturwissenschaften studiert, später in der heimatlichen „Lausitzhalle“ gearbeitet. Zu DDR-Zeiten gehörte die Halle zum Kombinat Schwarze Pumpe. „Und als während der Wende Stellen abgebaut und umgeschichtet werden mussten, bin ich rüber zur Betriebszeitung gewechselt und später in die Kommunikationsabteilung der Laubag (heute Vattenfall) gegangen“, erzählt die Ur-Lausitzerin. Aufregende Zeiten: Die Umstrukturierung des Bergbaus zu begleiten und der Öffentlichkeit transparent zu machen. Nebenbei hob sie das Magazin „Akzente“ aus der Taufe, das sie bis heute für ihren alten Arbeitgeber Vattenfall betreut. „Das alles habe ich mit großer Begeisterung und Freude gemacht“, erinnert sich Ute Baumgarten. „Aber ich hatte mir immer vorgenommen: Spätestens mit 40 machst du etwas komplett anderes.“

Während sie selbst aber noch am Schreibtisch Texte verfasste, kam es in der Ortschaft Knappenrode einige Kilometer östlich von Schwarze Pumpe zu tief greifenden Umwälzungen: 1992 schloss die dortige Brikettfabrik ihre Tore, zwei Drittel der historischen Gebäude wurden abgerissen, die übrigen fungieren seit 1993 als Museum. Die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbauverwaltungsgesellschaft LMBV widmete einen Teil ihrer Abrissmittel in den Erhalt der Bausubstanz um, „aber trotzdem verfiel das Gelände in einen Dornröschenschlaf“, so Ute Baumgarten.

2002 beworben

Als sich abzeichnete, dass der damalige Leiter des Projekts in den Ruhestand gehen würde, bewarb sie sich 2002 um die Nachfolge. „Obwohl mir etliche Freunde abrieten. Ich würde mir einen Klotz ans Bein binden und hätte keine Chance, aus dem Projekt etwas zu entwickeln.“ Sie aber glaubte an Knappenrode. „Es war und ist einer der spannendsten Standorte der Industriekultur weit über die Lausitz hinaus“, sagt sie. „Knappensee, Fabrik, Bergarbeitersiedlung – ein Mi krokosmos des Tagebaus.“

Besonders dankbar ist die engagierte Chefin ihrem Vorgänger für seine behutsame Art der Erhaltung. „Hier wurde nichts kaputt saniert. Überall kann man die Spuren der Zeit entdecken.“ Die „Überlebensstrategien“ der DDR-Techniker ließen sich bis heute ablesen am Maschinenpark, der im Übrigen nach 1945 aus der gesamten Republik zusammengesucht werden musste – die Originale waren im Rahmen von Reparationszahlungen in die Sowjetunion gebracht worden.

Mit raschen Schritten läuft Ute Baumgarten durch die fast Hundert Jahre alten Hallen, in der Bauarbeiter gerade letzte Hand an eine neue Ofenausstellung und einen Besucherparcours legen. „Das Faszinierende hier“, so erzählt sie, „ist die Authentizität.“ Denn genau so, wie die Arbeiter der letzten Schicht ihre verschmutzen Blaumänner in der Kaue zurückgelassen haben, so hängen sie bis heute hier. „Und langsam ist genug Zeit vergangen, dass auch die Einheimischen wieder kommen und gucken, wie es in ihrer Fa brik aussieht“, erzählt Ute Baumgarten. Lange Jahre wären sie dem Museum fern geblieben. „Das sind Dinge, die ich auch erst langsam zu verstehen gelernt habe“, sagt sie. „Die Arbeit hier war heiß und dreckig, aber sie war Lebensinhalt für viele.“ Facharbeiter, die zu DDR-Zeiten mit viel Mühe in der Region gehalten wurden, hätten sich nach der Werksschließung wertlos gefühlt.

„Die Trauer und die Verbitterung dieser Menschen haben auch meine eigene Sicht auf die Geschichte geprägt.“ Dennoch sei sie überzeugt von der Notwendigkeit des Umbruchs, sehe Erfolge, Chancen, Potenziale. Und natürlich immer wieder auch Perspektiven für die Brikettfabrik. Denn als quasi lebendiges Beispiel des Wandels zieht Knappenrode mittlerweile 27 000 Besucher jährlich an. Sie kommen in die Dauerausstellungen oder zu den kulturellen Höhepunkten – zu Konzerten, Festspielen oder Markttagen.

Viel Leben im Museum

Baumgarten weiß, dass sie für manche Historiker zu wenig Wert legt auf das „bewahrende Dokumentieren“ und zu viel Leben ins Museum trägt. „Aber mir ist einfach wichtig, dass die Menschen mit allen Sinnen spüren und erfahren, wie der Bergbau funktionierte. Darüber wird Interesse geweckt, darüber bleibt die Geschichte lebendig.“

Längst ist „die Fabrik“ zu einer Lebensaufgabe geworden. Jedes neue Projekt fordert Schweiß und Kraft, und Ute Baumgarten kennt die Gefahr auszubrennen durch eine derartige Leidenschaft für den Beruf. Sie zwingt sich dann zum Rückzug in die Familie. Lange Spaziergänge mit dem Hund machen den Kopf frei, danach sitzt sie gern mit ihrem Mann, mit Geschwistern, Kindern oder Freunden zusammen. In der Küche, im Schein des wärmenden Feuers eines Kohleofens.