Die Wachmannschaften in der berüchtigten Ost-Berliner Haftanstalt Rummelsburg empfingen Erich Honecker, der gut drei Monate zuvor als Staats- und Parteichef der DDR gestürzt worden war. Nach zwei Krebsoperationen war Honecker (1912-1994) an jenem kalten Januarmorgen gegen sieben Uhr aus der Berliner Charité entlassen worden. Staatsanwälte und Kriminalpolizisten fuhren ihn sofort nach Rummelsburg.
Einen Tag musste der 77-Jährige in den düsteren Gemäuern zubringen, die 1877 bis 1879 als preußisches „Arbeitshaus“ entstanden waren. Am 30. Januar wurde der Haftbefehl aus gesundheitlichen Gründen aufgehoben und Honecker in ein kirchliches Pflegeheim in Lobetal bei Bernau (Barnim) verlegt. Nicht wenige von Honeckers politischen Gegnern hatten es zu DDR-Zeiten erheblich länger in Rummelsburg aushalten müssen.

Aus Lazarett wird Restaurant
18 Jahre später erinnert auf dem Wassergrundstück an der Rummelsburger Bucht an der Spree nicht mehr viel an die Haftanstalt. Ein privater Investor hat es erworben. Die Gefängnismauer und schäbige Nebengebäude sind verschwunden, Grünflächen angelegt und Bäume gepflanzt. Aus den Zellentrakten in den sechs historischen Hauptgebäuden werden gut ausgestattete Appartements unterschiedlicher Größe entstehen. Zwei Häuser sind schon fertig, die übrigen sollen bis Jahresende beziehbar sein. Die Backsteinfassaden sind abgestrahlt und mit Balkons versehen worden. Umgebaut werden auch das einstige Lazarettgebäude, das künftig ein Café und ein Restaurant beherbergen soll, sowie das frühere Waschhaus, das an die Diakonie geht. Hinzu kommen Neubauten für Geschäfte und weitere Wohnungen.
Auch in anderen europäischen Metropolen sind in den vergangenen Jahren am Wasser gelegene Industrie- und Gewerbebrachen als attraktive Entwicklungsgebiete neu entdeckt worden. Vorbild für viele war etwa die Umwandlung der alten Docklands in London oder die Wiener Donau-City.
Im Jahr 1994 erklärte der Berliner Senat die Rummelsburger Bucht an der Spree und die gegenüberliegende Halbinsel Stralau zu einem Entwicklungsgebiet und erarbeitete einen städtebaulichen Gesamtplan. Seither ist eine Milliardensumme aus dem Landeshaushalt geflossen, um die abgetakelten Gewerbegebiete vor allem zu attraktiven Wohnvierteln zu machen. Die Bauvorhaben gehörten teilweise auch zu den dezentralen Projekten der Expo 2000.

Mehr als 2000 Wohnungen
Neben dem früheren Gefängnis sind seither weit mehr als 2000 Wohnungen und mehr als 200 Einfamilienhäuser entstanden, ergänzt durch eine Grundschule, Kindertagesstätten, Jugendfreizeiteinrichtungen und Sportanlagen. Auch für Gewerbe wurde neuer Raum geschaffen.
Die Kosten für die öffentliche Hand scheinen dank hoher Einnahmen durch Grundstücksverkäufe und Wertabschöpfungen in der Bilanz niedriger auszufallen als kalkuliert. Der Geschäftsführer der landeseigenen Entwicklungsgesellschaft Wasserstadt, Gerhard Steindorf, rechnet vor, dass Berlin für das neue Gesicht der Rummelsburger Bucht per saldo 123 Millionen Euro aufbringen muss. Gerechnet wurde ursprünglich mit mehr als dem doppelten Betrag.
Die sechs historischen Hafthäuser bestehen künftig aus 146 Eigentumswohnungen. So gut wie alle sind nach Angaben der Maruhn Immobilien-Gruppe bereits verkauft, in der großen Mehrheit an Kapitalanleger, die weitervermieten. Billig waren die Appartements nicht. Auf 2450 Euro pro Quadratmeter bezifferte Bauherr Detlef Maruhn den Verkaufspreis. Für die meisten Wohnungen seien schon Mieter gefunden, erläuterte er, als sich kürzlich der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) die Anlage anschaute. 8,20 Euro pro Quadratmeter betrage im Schnitt die Nettokaltmiete - ein Euro mehr als von den Investoren kalkuliert.
Erich Honecker war seinerzeit im Haus 8, der ehemaligen Krankenstation, untergebracht. Das zweistöckige Haus liegt etwas abseits von den sechs Hauptgebäuden am Ufer der Spree. Die privaten Käufer sind bereits im vergangenen Jahr hier eingezogen. Sie haben im Keller einen Gedenkraum eingerichtet. Er ist allen Häftlingen gewidmet, die in Rummelsburg einst Unrecht erfuhren.