Axel Becker dürfte sehr erleichtert sein. Der Leiter der Lieberoser Oberförsterei (Dahme-Spreewald) bezeichnete es als "katastrophale Behauptung für die Jägerschaft", dass eine junge Wölfin bei Siegadel erschossen worden sei, wie es zunächst hieß. Sie war am Wochenende in dem Gebiet nahe des Schwielochsees gefunden worden. Zufällig war der Jagdpächter des benachbarten Reviers zum Pilzesuchen dort unterwegs gewesen, hatte es im Polizeibericht zunächst geheißen, und fand sie, noch warm. Der Wolf hätte "einen Steckschuss im linken Schulterbereich" aufgewiesen, so lautete die erste Meldung. Am Dienstag dann die Korrektur nach der Untersuchung durch das renommierte Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung: Es war wahrscheinlich ein Verkehrsunfall. Doch wie konnte eine Schusswunde mit den Folgen eines Verkehrsunfalls verwechselt werden?

Wie genau das Leben der jungen Wölfin aus einem der drei Rudel in der Lieberoser Heide endete, geboren in diesem Jahr, 15 Kilogramm schwer, ein Jährling noch mit Milchzähnen, wird wohl nicht mehr hundertprozentig aufgeklärt werden. Die Forensiker gehen von einem Multiorganversagen nach einem Verkehrsunfall aus. "Wir haben im Bereich der Niere eine riesige Blutansammlung gefunden", erklärt Steven Seet, zuständig für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin. Das weise mit hoher Wahrscheinlich auf einen Zusammenprall mit einem harten Gegenstand wie einem Auto bei einem Verkehrsunfall hin. Nicht weit entfernt vom Fundort führt eine vielbefahrene Straße entlang. Seet vermutet, dass die junge Wölfin nach dem Unfall weiterlief, bis sie in einen Schockzustand fiel und durch den inneren Blutverlust starb.

Doch wie kommen die angeblichen "Einschussstellen" zustande? Die Antwort: Es waren Fangzähne. Die Fachleute vom Leibniz-Institut fanden Bisswunden am oberen Schädel und am rechten Hinterlauf in Höhe des Beckens. "Die Verletzungen waren blutig, klein und punktförmig", sagt Wolfsexperte und Diplom-Biologe Kay-Uwe Hartleb. Man könne sie durchaus mit Einschussstellen verwechseln. "Da ist niemandem ein Vorwurf zu machen."

Bleibt ein letzter Widerspruch: der Ort der punktförmigen Verletzungen. War im ersten Polizeibericht noch von der linken Schulter die Rede, sprechen das Berliner Institut und Wolfsbeauftragter Hartleb von der rechten Beckenseite. Die Polizei beruft sich auf Informationen vor Ort; Hartleb schließt Verwechslungen oder Übertragungsfehler nicht aus.

Steven Seet vom Institut für Zoo- und Wildnisforschung wiederum betont, dass die Bisse von einem "hundeartigen" Wesen verursacht wurden - ob Hund oder Wolf, sei ohne aufwendige genetische Untersuchung nicht zu klären. Fest steht aber, dass die junge Wölfin gebissen wurde, als sie schon tot war. Das zeige die Tatsache, dass die Bisstellen nur wenig bluteten, so Seet.

Vieles deutet also auf einen Verkehrsunfall hin, auch, dass - wie Oberforstrat Axel Becker zu bedenken gibt - die Verbindung zwischen Lieberose über den Oberspreewald und der Märkischen Heide zur Autobahn nach Berlin (B320/B179) nicht weit entfernt von der Fundstelle ist.

Dennoch macht den Wolfsexperten Sorgen, dass es eben auch Wilderei gibt. Zwei spektakuläre Fälle getöteter und enthaupteter Wölfe gingen bundesweit durch die Presse.

Die offizielle Tabelle des Landesumweltamtes Brandenburg weist für die Jahre 2014 und 2015 bis jetzt 15 Totfunde aus. Davon waren zehn verkehrsbedingt, für mindestens drei wird Wilderei verantwortlich gemacht. Einmal steht Räude als Todesursache fest, in einem weiteren Fall wird von "sonstigen Ursachen" ausgegangen. Zum Vergleich: In den 23 Jahren zuvor (1990 bis 2013) wurden insgesamt fünf Wilderei-Fälle an Wölfen aufgeführt.