Zusammen mit dem ergrauten Bart gibt Reinhard Erös dann so ziemlich authentisch einen Einheimischen, zumal er die Sprache der Paschtunen, der größten Volksgruppe im Land, fließend spricht.
Die Kenntnis und der Respekt vor der dortigen Kultur und ihren Besonderheiten haben dem Gründer der "Kinderhilfe Afghanistan" aber auch schon manch' Ärger mit ausländischen Soldaten, insbesondere US-amerikanischen, eingebracht. Die Distanz zum ausländischen Militär - nicht Abneigung, "ich war selbst mit Überzeugung bei der Bundeswehr" - verbindet ihn wohl mit den meisten Afghanen. So hält er in seinen Schulen im Osten des Landes Soldaten streng auf Abstand. Selbst die Amerikaner würden diese Bitte respektieren. Und so habe es bislang auch keinen Anschlag gegeben. Bei den Parlamentswahlen erreichte die Beteiligung in den in den Schulen eingerichteten Wahllokalen deutlich überproportionale Werte - sowohl bei der Gesamtzahl der Wähler als auch insbesondere bei Frauen. "Unser Denken, dass ausländische Soldaten afghanische Einri chtungen sichern könnten, indem sie sich dort mit einem Gewehr hinstellen, ist einfach falsch." Hoffnungen, die die Paschtunen vielleicht irgendwann einmal in die Ausländer gesetzt hätten, und das sind ja meist Soldaten, hätten sich nicht erfüllt. "Und darum werden die Taliban inzwischen fast von der Bevölkerung unterstützt, wenn sie auf Amerikaner schießen", versucht er zu erklären, was im Westen so schwer zu verstehen ist.

Zuerst Lesen und Schreiben
Patentrezepte für Afghanistan hat auch der 54-Jährige nicht, immerhin ist aber sein Rat gefragt - ob beim Entwicklungshilfeausschuss des Bundestags, bei Gremien der Nato oder auch in anderen europä ischen Ländern. Der ehemalige Bundeswehrarzt ist aber vor allem ein Mann der Tat. Seit 21 Jahren ist er in Afghanistan als Aufbauhelfer tätig. Und aus dieser langjährigen Kenntnis des Landes heraus ist er überzeugt, dass das seit 30 Jahren mehrere Kriege durchlebende Land bessere Perspektiven und Entwicklungschancen hat als andere Länder auf der Erde. Gleichwohl bleibt er realistisch. "Wenn ich so etwas wie Demokratie und Fortschritt will, müssen die Menschen zuerst Lesen und Schreiben können. Darum baue ich auch keine Herzkliniken oder Universitäten, sondern Grundschulen." In mühevoller Arbeit und mithilfe der Spenden hat die Kinderhilfe bislang 18 Schulen aufgebaut, in denen mehr als 55 000 Kinder lernen. "Und in den Schulen sind 60/70 Prozent Mädchen", macht er deutlich, wie er versucht, Entwicklungen zu steuern. "Allerdings brauchen wir einen langen Atem. Aber es wird dann ein afghanisches Afghanistan sein - kein westliches, kein amerikanisches und auch kein islamisches."
Erös finanziert seine Initiative zwar über private Spenden, gleichwohl glaubt er, dass Uno, USA, Deutschland und andere nicht mehr Geld als bisher für Afghanistan aufbringen müssen, nur anders einsetzen. "Wenn wir die Hälfte der militärischen Ausgaben in den zivilen Aufbau investieren, wäre Afghanistan in zwei Jahren wieder auf dem Niveau der 70er-Jahre." Es bringe doch nichts, wenn in Kabul eine hochmoderne Uni gebaut werde und das Studium dort im Jahr 10 000 Dollar koste, erklärt er seine Einschränkung. "Welcher normale Afghane soll das bezahlen?"

Etwa 1700 Mitarbeiter
Erös geht da anders vor. Seine Kinderhilfe beschäftigt mehr als 1700 Mitarbeiter - Ärzte und Hebammen in Mutter- Kind- Kliniken und Gesundheitsstationen, vor allem aber Lehrer. "Und die Lehrerinnen werden etwas besser bezahlt als die Lehrer", schmunzelt er. "Wir dürfen den Frauen nicht den Tschador runterreißen. Wenn die das wollen, müssen sie es selber tun."